Um ihn zu versöhnen, schickte sie ihm am nächsten Morgen ein paar Flaschen Wein. Er kam dann torkelnd, mit verglasten Augen, zur Probe, und sie höhnte lachend: „Einen feinen Kapellmeister haben wir!“ Saß er aber erst auf seinem Hocker und hob er den Taktstock — dann verging ihr das Lachen. Nicht die leiseste Schwankung! Wie aus Eisen war sein Arm! Er machte keinen Unterschied zwischen Vorstellung und Probe. Er gab sich immer ganz. Restlos.

„Wenn er das Saufen lassen wollte, würde ich ihn zum ersten Dirigenten der Welt machen“, sagte John Russel.

Aber diese Worte machten auf Kapelle wenig Eindruck. Vielleicht sogar einen entgegengesetzten, als sie sollten.

Kapelle fand Besseres auf dem Grunde seines Glases, als ihm ein Weltruhm geben konnte — er fand Vergessen. Denn selbst um den Preis eines Weltruhmes hätte er europäischen Boden nicht mehr betreten. Aber das brauchte er den Leuten nicht auf die Nase zu binden ... Das ging sie nichts an ... gar nichts ging sie das an ...!

Karla zitterte vor dem Augenblick, da sie auf der ersten Probe seinem Taktstock gegenüberstehen würde. Mariette hatte ihr pantomimisch die erschreckendsten Dinge mitgeteilt.

Monsieur Kapelle war un homme terrible! Er hatte gewiß einen Mord auf dem Gewissen ... hatte sicher une pauvre femme erwürgt! Und hatte fliehen müssen vor dem Gesetz ... „Oh le méchant homme ...!“

Das war immer der Schluß. Karla hatte ihren Mann gebeten, er möchte sich mit ihm ein bißchen anbiedern. Aber Altmann hatte gesagt:

„Da müßte ich stundenlang mit ihm trinken, liebes Kind ... Du weißt, das vertrage ich nicht. Im Übrigen halte ich ihn für sachlich. Sachliche Menschen brauchst Du nicht zu fürchten ...“

Niemals war es Karla so aufgefallen wie jetzt, daß Altmann nüchtern war ... so schrecklich nüchtern.

„Hast du dir denn niemals einen Spitz angetrunken, Ernst?“