Abends saß er, verkniffener denn je, an seinem Dirigentenpult. Die „Agathe“ bot den Amerikanern keine Gelegenheit zu lärmenden Huldigungen, aber die große Arie verlangten sie zweimal. Es war noch nie vorgekommen, daß Kapelle sich zu einer Wiederholung verstanden hatte. Diesmal gab er selbst das Zeichen dazu. Aber er dirigierte kaum noch. Nur seine linke Hand gab dem Orchester leisen Halt.

So wundervoll war Karla noch nie begleitet, nie so liebevoll gestützt worden. Ein heißes Dankgefühl quoll in ihrem Herzen für den Mann auf, der ihr so viel Freude gab an ihrem Singen, der ihrer Stimme Flügel lieh.

Als der Beifall auf sie herabtoste und sie aus dem ersten Rausch erwachte, zeigte sie wieder und immer wieder hinunter ins Orchester. Das Publikum legte es als eine in Amerika ungewohnte Bescheidenheit aus und verstärkte seinen Beifall.

Karla gefiel ungemein. Sie war so ganz anders als all die Divas, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte vorgestellt hatten. Ihre herbe Frische, ihre Einfachheit, der warme, natürliche Fluß ihrer schönen Stimme übten einen nicht wiederzugebenden Zauber auf diese Virtuosenmätzchen gewöhnten Arbeitsmenschen aus. Es geschah das Unerhörte, nie Dagewesene, daß das Publikum nach Schluß der Vorstellung auf seinen Sitzen blieb und abermals die Agathenarie verlangte.

Diese deutscheste Musik, die je auf einer Opernbühne gesungen wurde, hatte in diesem Publikum, das zumeist aus Deutschen oder deutschen Abkömmlingen bestand, ein machtvolles Erinnern an die erste, halb vergessene Heimat geweckt.

Vor dem herabgelassenen Vorhang, in weißem Gewand, sang Karla die süße, schlichte Weise, und das Publikum hörte stehend zu, wie es in der alten Heimat der Volkshymne zu lauschen pflegte.

Altmann lehnte an einer Logenwand, nahe am Ausgang. Auch er war ergriffen.

Eine ihm neue, tiefe Sehnsucht erfüllte ihn, Karla in seine Arme zu schließen, sie vor den Blicken der Menge zu verbergen, die Herrenrecht hatte über sie von dem Augenblick an, da sie sich ihr gegenüberstellte. Etwas unsagbar Rührendes ging von ihr aus.

Wenn er jetzt könnte — wie diese so neue erregte Stimmung es von ihm verlangte und wie der verkniffene, häßliche Kapellmeister es ihm zugerufen — wenn er sie aufpacken und mit ihr zurückreisen könnte in die Heimat ...! Ein ganz kurzer, stummer Applaus riß ihn zur Wirklichkeit zurück. Karla stand regungslos vor dem roten Samtvorhang. Irgendeine Hand zog sie zurück in das Dunkel der halb abgeräumten Bühne. Die Nordeni, gelblich blaß unter dem aufdringlichen Glanz ihres prahlerischen Schmuckes, schlug mit dem Fächer gegen seinen Arm:

„Nett ... unsere Kleine, nicht wahr? Gar nicht zu glauben, wie sentimental die Yankees manchmal sind. Na ... allerdings im Süden verlangen sie andere Kost. Grüßen Sie die Kleine ... geben Sie ihr einen Kuß von mir ...“