Karla trat vor. Sie war sehr blaß, trotz des nachträglich noch aufgelegten Rots; die Chordamen hatten ihr die Flecke aus dem Kleid gewaschen, und das leichte Gewebe klebte stellenweise naß an ihren Gliedern.

„Ich kann“, sagte sie fest.

Und zur Verwunderung aller Umstehenden zog sie die verbundene Hand ihres Mannes an die Lippen.

„Well, Karla König ... Sie werden einen sehr großen Erfolg haben heute abend ... und den wollen wir feiern. Nach der Vorstellung im Hotel, meine Herrschaften ... auch der Chor ... Sie sind meine Gäste!“

In dieser Nacht erfuhr Karla König, was das hieß, wenn einer Künstlerin die Pferde ausgespannt wurden. Es war sehr unbequem. Sie kam sehr langsam vorwärts und hatte große Angst. Denn sie war allein, da ihr Mann sich noch auf der Bühne zu schaffen gemacht hatte.

John Russel hatte ein Abendessen bestellt, als erwarte er den Präsidenten der Republik. Es gab nur Heidsieck Monopol — auch für den Chor. Die Nordeni thronte an der einen Schmalseite des Tisches zwischen dem Tenor und Schädlowski. Sie langweilte sich, weil diese Art Feste nur etwas für sie war, wenn sie selbst deren Mittelpunkt bildete. Durch die weitgeöffneten Türen zum Nebensaal, in dem an kleinen Tischen mit buntverhängten Lampen gespeist wurde, sah sie Mariette zwischen zwei bräunlich angehauchten Herren. Mariette hatte ein einfaches helles Seidenfähnchen an, das sie sich aus einem abgelegten Abendkleid der Nordeni zurechtgeschneidert, und sah naiv und pikant aus. Sie schlürfte die Austern mit einer Virtuosität, die sehr vielsagend war. Die Nordeni beneidete sie und wurde melancholisch.

Karla saß zwischen John Russel und Kapelle, ihrem Manne gegenüber. Noch zitterten ihr die Knie von all den Aufregungen, aber sie war über alle Maßen glücklich und drückte alle paar Minuten ihren hübschen Fuß auf Altmanns Stiefel. Seine jetzt kunstgerecht verbundene Hand, die übrigens nur einen Streifschuß abbekommen hatte, stempelte ihn in ihren Augen zu einem Helden ... Gott, hatte sie ihn lieb!

Warum nur Schmerzchen noch so ein kleines Dummchen war! Wenn sie ihr das alles hätte schreiben können ... „Dein Papa ...“ „Dein Papa ...“ Gar nichts wußte Schmerzchen von ihrem Papa ... gar nicht, wie stolz sie sein durfte auf so einen Papa ...!

John Russel ließ den Sektkühler, der ihm zunächst stand, leeren und goß den Inhalt dreier Flaschen Heidsieck hinein.

„Passen Sie auf ... jetzt steigt die Primadonnentaufe!“