Es lag gutmütiger Hohn in seiner Stimme. Gleich darauf rief er dem Kutscher noch etwas zu und gab ihm einen leichten Stoß in den Rücken. Dann glitt er von seinem Sitz und verschwand in der Dunkelheit hinter einem Kakteenzaun, vor dem ein paar Indianer rasteten.

Ein Frösteln lief über Karlas Rücken.

„Ist dir kalt, Karla?“

Sie schüttelte den Kopf. Kalt war ihr nicht. Nur unheimlich. Sie sehnte sich nach dem Hotel, mit seinem weißgetünchten Speisesaal und den rotverhängten Lämpchen auf den Tischen, nach ihrem Zimmer, mit dem warmen, goldgelben Licht, nach Schmerzchens Bild in dem roten Lederreiserahmen, nach den Stimmen der Kollegen, nach deutschen Lauten und nach den Armen ihres Mannes, in denen sie alles vergessen wollte, was nicht Mann und Kind war ...

— — — Die Luft hatte sie müde gemacht. Die schwarzen Kellner reichten erst die übliche Poularde mit Salat herum, als ihre Augen sich schon zu schließen begannen.

In einer Ecke des Saales saß die Nordeni, in tiefausgeschnittenem Kleid, geschmückt wie ein Götzenbild, mit Mariette, die wie eine kokette Unschuld in einem weißen Kleidchen die Huldigungen ihrer zwei Tischherren entgegennahm.

Die Nordeni trank mehr als sonst. Als müßte sie einen Ärger herunterspülen oder eine Unruhe. Sie hatte sehr auf Don Pedro de Santos gerechnet, einen reichen Diamantenhändler, der ihr schon vor sechs Jahren freundliche Anerbietungen gemacht hatte. Er war ihr damals zu jung gewesen, zu abhängig von seinem Vater. Indessen war der Vater gestorben, Don Pedro wohl älter, aber sie selbst nicht jünger geworden. Sechs Jahre waren gar nichts für eine Karla König, eine Mariette — für sie eine Ewigkeit. Die Grenzlinie, hinter der sie ihre Jugend zurückließ. Ein Funken Romantik hatte bei der ersten Ankündigung von der Wiederkehr der Nordeni Don Pedros Schritte sofort zu ihr gelenkt. Er war da, er liebte sie, er legte ihr sein Vermögen und all seine geschliffenen und ungeschliffenen Brillanten zu Füßen. Aber er blieb mitten im Satz stecken, als er Mariette erblickte.

Don Pedro de Santos hatte Freunde, denen er oft genug gefällig gewesen war, um ihnen die Aufgabe zuzumuten, sich einer erstorbenen Flamme von ihm anzunehmen, wenn sie ihm dadurch die Möglichkeit boten, einer neuen „Entdeckung“ zu huldigen.

Die Nordeni durchschaute diese Kriegslist. Sie litt. Ihr hochmütiges Lächeln verbarg nur sehr unvollkommen ihre schmerzliche Enttäuschung. Aber sie hielt sich.

Mariette tat, als merkte sie nichts. Nein ... wirklich gar nichts. Sie sprang auf und bückte sich nach dem Taschentuch, das die Nordeni öfter als nötig fallen ließ, sie stand von Tisch auf und brachte ihr das absichtlich von ihr vergessene goldene Handtäschchen, sie steckte der Nordeni eine gelockerte blitzende Nadel fester in das verschlungene Haargebäude ... sie tat das alles liebenswürdig, mit heiterem Lächeln um die blutroten Lippen, mit stets gleichbleibender Geduld und mit unnachahmlicher Anmut.