Karla war schon auf der Treppe, als er sie einholte.
„Wo bleibst du denn ...“
Sie brachte kaum noch die Worte heraus, und streckte ihre Hand ins Leere.
„Du Schlafliese ...“
Er lachte und trug sie fast bis in ihr Zimmer. Er zog sie aus und deckte sie mit der leichten weißen Decke zu. Er wollte ihr sagen: die Nordeni hat mich noch auf einen Augenblick hinuntergebeten. Aber Karla schlief schon. Er wartete eine Weile an ihrem Bett, sah nach, ob auch kein Moskito mehr im Netz war, zog die Vorhänge zusammen, löschte das Licht und ging auf leisen Sohlen hinaus.
Die Nordeni konnte diesmal kein Ende finden. Und sie sprach ... sprach ohne Aufhören — Deutsch, Französisch, Englisch ... Don Pedro antwortete zerstreut, Don Despero rauchte schläfrig eine Zigarre und sorgte dafür, daß die Gläser immer nachgefüllt wurden. Mariette flüsterte Altmann kurze, abgerissene Worte zu.
Sie war so unglücklich jetzt ... es stürmte soviel auf sie ein ... sie hatte keinen, mit dem sie sich beraten konnte ... Wenn Monsieur Altmann ihr Freund wäre, wenn ... Sie legte ihre beweglichen kleinen Hände auf seinen Arm, sah ihm in die Augen mit Blicken, die um Vergebung, um Schonung, um Verständnis und um Liebe bettelten.
Die Nordeni erzählte von ihrer Kindheit.
„Mein Vater war Direktor einer Stadtpfeiferei in einem sächsischen Nest. Wir wurden mit Prügel und Musik großgezogen, mein Bruder und ich. Als ich meine ersten zwanzig Mark verdient hatte, ging ich durch. Wenn ich zurückgekommen wäre, hätte mich mein Vater totgeschlagen. So blieb ich draußen ... ich war ein hübsches Mädel damals ... Aber leicht war’s nicht! Ich brachte es bis zum Leipziger Stadttheater ... erste Partien ... höchste Gage ... konnte zufrieden sein. Da sah ich meinen Vater in der ersten Orchesterreihe sitzen. Ganz alt war er geworden und hatte noch immer den weiten, schäbigen Rock, wie ich es nie anders an ihm gekannt hatte. Wie ich den Akt zu Ende gesungen, das weiß ich heute nicht mehr! Ich schickte ihm einen Zettel im Zwischenakt: ‚Lieber Vater, komm auf die Bühne oder zu mir in die Wohnung ... ich wohne da und da ...‘ Als der Vorhang wieder aufging, saß mein Vater nicht mehr auf seinem Platz. Ob er überhaupt im Theater geblieben ist, weiß ich nicht. Ich wartete auf der Bühne ... ich wartete zu Hause ... die ganze Nacht und den ganzen Tag durch ... und noch eine Nacht und noch einen Tag ... Er kam nicht. Ich schrieb nach Hause. Der Brief kam zurück mit dem Postvermerk: ‚Adressat verzogen. Unbekannt wohin.‘ Da freute mich Leipzig nicht mehr ... und Deutschland nicht ... Ich löste meinen Vertrag, verkaufte meine Möbel und setzte übers Wasser ... auf eigenes Risiko ... ja ... so mutig war ich damals! Vor zehn Jahren kam ich zu John Russel ... Der schleppt mich nun kreuz und quer durch Amerika ... Wenn ich nochmal nach Europa komme, dann will ich nach Hause fahren ... Vielleicht hat jetzt mein Bruder die Stadtpfeiferei ... oder ein ganz Fremder ... Auf die Menschen kommt’s mir nicht an ... aber ob das Häuschen noch steht, mit dem großen Garten rundherum und den vielen Apfelbäumen ... Die Apfelbäume möcht’ ich wiedersehen ... die! ...“
Ihr Kopf fiel auf die linke Schulter, ihre Augen blickten verschwommen geradeaus ...