Die Herren in der Halle nahmen beim Nahen der Braut die Zylinder ab, und Karla sah, daß auch ihr Mann seinen Hut zog. Wie gleichgültig und kalt er es tat, wie ausschließlich nur, um einer äußeren Form zu genügen, deren Nichterfüllung aufgefallen wäre — das sah sie nicht.
Sie lief in ihr Zimmer und riegelte sich von beiden Seiten ein.
Außer Kapelle und Altmann war heute niemand in dem weißen Speisesaal. Sie saßen an dem langen, sonst so belebten Tisch einander gegenüber und aßen, ohne zu reden.
Erst beim Obst knurrte Kapelle:
„Daß die kleine Kanaille hier bleibt, ist immerhin auch was.“
„Ja“, sagte Altmann trocken.
Er haßte sie jetzt nicht so sehr, weil sie ihn zur Untreue gegen Karla, sondern zur Untreue gegen sich selbst verleitet hatte. Die Unfehlbarkeit, auf die er zeitlebens so stolz gewesen, war hinfällig. Um seinen Mund zuckte es bitter.
Kapelle tat einen kräftigen Zug aus seinem Strohhalm.
„Geschehnisse, welcher Art sie immer sein mögen, sind hier mit einem besonderen Maße zu messen. Wie man europäischen Ballast nicht mit herübernehmen darf, so von hier aus nichts nach Hause. Überhaupt ... das mit dem einen einzigen Leben, das wir haben, ist ja Unsinn. Hundert Leben hätten wir, wenn wir nur wollten! Aber wir kleben fest — äußerlich oder innerlich, gleich Schnecken, die überall ihr Gehäuse mit sich schleppen. Wir haben uns nicht zum Vergessen erzogen, zum willkürlichen bewußten Vergessen, obwohl es das größte Gnadengeschenk des Himmels ist!“
„Lieber Freund ... wenn wir als Kinder etwas vergaßen, dann setzte es Prügel: Du hast nichts zu vergessen!“