Nun war er gewiß wütend auf sie. Sie hatte ihren besten Freund verloren. Sie fühlte sich schwer unglücklich. Auch während der folgenden Wochen war es ihr nicht möglich, mehr als einen flüchtigen Gruß mit ihm zu wechseln. Er sah es nie, daß sie auf ihn zueilen wollte, rückte nur kaum merklich an seinem Hut und ging, ohne sie weiter anzusehen, vorüber. Seine Mahlzeiten nahm er nicht mehr gemeinsam mit der Gesellschaft, wohnte auch nicht mehr in demselben Hotel.
— — Die letzten Stunden vor der Ankunft in New York verbrachte der größte Teil der Gesellschaft, mit Russel an der Spitze, im Speisewagen. Es wurde nach alter Gewohnheit viel Sekt getrunken, Russel sprach einige Worte, dankte den Mitgliedern für „ihre Arbeit“ und gedachte eines seiner treuesten, erfolgreichsten Mitglieder, der „unvergeßlichen“ Nordeni. Alle standen auf und blieben einige Augenblicke stumm.
Nachdem alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten, erhob sich der Bariton mit einigen Dankesworten im Namen der Mitglieder. Aufs neue klangen die Gläser zusammen als bekräftigender, heiterer Abschluß. Aber zum Staunen aller sprach Russel noch einmal: Er hätte immer mit viel Vergnügen die Kunstfahrten seiner Mitglieder geleitet und hätte manch neuen Stern dabei entdeckt, den er weiter auf seiner glänzenden Bahn verfolgte. Diesmal hätte er außer Freuden, Mühen und unvermuteter Trauer noch etwas gefunden: Beistand. Dieser Beistand wäre ihm von Mister Altmann gekommen, den er schätzen gelernt hätte. Und darum hoffte er, sein dear friend Altmann würde ihn auch weiter auf eine Reihe von Jahren entlasten wollen. Keinem übergebe er lieber einen Teil der Leitung als ihm, der sich in allen schwierigen Lagen so trefflich bewährt hatte.
Er schüttelte Altmann die Hand, andauernd und fast übertrieben herzlich.
Karlas Augen starrten die beiden groß an. Vor einem Jahr, vor zwei, wäre sie stolz gewesen über diese Worte, hätte gejubelt und wäre ihrem Manne an den Hals geflogen .... Aber jetzt ... heute ... heute, wo alles vorbei sein mußte? ...
Sie glaubte nicht an Russels Bewunderung für ihren Mann. Es lag Russel auch gar nichts an ihrem Manne. Was der geleistet hatte, konnte jeder bessere Inspizient, Regisseur oder Inspektor leisten. Darum brauchte Russel ihm nicht einen Teil der „Leitung“ zu übergeben, ihn zu seinem Stellvertreter zu machen ... Das galt nicht ihrem Mann ... das galt ihr. Um sie zu halten, war das alles! ... Um sie zu knebeln, ihr die Hände zu fesseln ...
Altmann suchte sie mit den Blicken, aber sie war verschwunden. Sie war in ihr Abteil geflüchtet.
Sie schrak zusammen, als die Tür des Abteils zurückgeschoben wurde. Sie wollte ihren Mann jetzt nicht sehen ... jetzt nicht ...
„’Tag“, sagte Kapelle und rückte an seinem Hut.
Sie sprang auf, streckte ihm beide Hände entgegen.