Auch nach vielen, vielen Jahren vergaß Karla König nicht, wie der Zug in die Halle des Lehrter Bahnhofs in Berlin einfuhr, und noch immer bebte ihr das Herz, wenn sie an den Augenblick zurückdachte, da sie Schmerzchen als weißen Punkt zwischen Adele und Alwin Maurer zuerst erblickte.

Sie wußte auch damals nicht, wie sie aus dem Abteil gesprungen war, wie sie das kleine Mädchen in dem weißen Jäckchen und dem weißen Seidenhütchen in die Luft gehoben und es an sich gedrückt hatte.

Schmerzchen fing an vor Schreck zu weinen. Aber Karla weinte selbst, schaukelte das Kind in ihren Armen hin und her, unbekümmert um die Reisenden, die Träger, die Taschen, Handkoffer und Schirmspitzen, die sie anstießen, quetschten und sich in ihren Rücken einbohrten.

Altmann begrüßte die Geschwister mit verhaltener Bewegung, ging dann auf Karla zu:

„Willst du mir gar nichts lassen ...?“

Und er nahm ihr das jetzt schluchzende Kind aus den Armen.

„Wie wild sie noch immer ist“, flüsterte Adele ihrem Manne zu. Aber dann umarmte sie Karla, nicht ohne Wärme, und schob ihren Mann vor.

„Willkommen, Karla ... willkommen!“

Karla tupfte noch die Augen ab. Schüttelte Alwin Maurer lachend und weinend die Hand.