„Mama auch lieb“, antwortete Schmerzchen, ohne sich stören zu lassen.

Schmerzchen sah ihre Freiheit zunächst wesentlich unterbunden und war von der neuen Ordnung der Dinge noch nicht sehr erbaut. Jedenfalls wollte sie sich hauptsächlich an den Papa halten.

„Wie ernsthaft Schmerzchen ist“, meinte Karla, und im plötzlich gedämpften Ton ihrer Stimme lag etwas wie Bangigkeit.

Vor der Haustür in der Motzstraße standen Vicki und Fritz als Kadett. Fritz benahm sich als vollendeter Kavalier, half ihr aussteigen, küßte ihr die Hand, begrüßte Altmann mit einem respektvoll dankbaren Händedruck. Vicki flog Karla um den Hals. Karla zupfte sie am Ohr. Vicki legte die Finger an die Lippen.

Oben wartete Luise. Sie war noch hagerer geworden, und ihr Gesicht, mit den grauen Augen unter den dichten, geraden Brauen, hob sich noch strenger als früher von dem schmalen, weißen Umlegekragen ab, der die klösterliche Einfachheit ihres schwarzen Kleides spärlich aufhellte.

Sie drückte Karlas Wangen mit der mageren Hand näher an ihre schmalen Lippen. „Alles Glück in der Heimat!“

Dann umarmte sie den Bruder. „Hab Dank, du Guter, du ... hab Dank.“

Zwei kleine, kalte Tränen sickerten ihr aus den Augenwinkeln längs der feingeschnittenen, jetzt so spitzen Nase herab. Altmann war sehr bewegt und drückte immer wieder ihre Hand.

„Aber Luise, ich bitte dich ... wir haben zu danken ... daß du das übernehmen willst ... Du tust uns ja den größten Gefallen ... den größten Gefallen — du — uns.“

Karla war abgespannt. Im Grunde hatte sie nur einen Gedanken: Schmerzchen. Aber es war gar nicht so einfach, das Kind festzuhalten. Fünf Menschen standen vorläufig zwischen ihr und dem Kinde — fünf Menschen, mit denen es vertraut, an die es gewöhnt war. Schmerzchen hatte seine Gewohnheiten und Pflichten, von denen Karla keine Ahnung hatte. Umziehen, Händewaschen, Kämmen ... Mundtuch umbinden lassen, Händchen auf den Tischrand legen ... Schweigen ... anständig essen ... nicht den Kopf hin und her drehen ... Suppe auslöffeln „bis aufs letzte Tröpfchen“, nicht mit der Gabel spielen, ordentlich kauen, Gemüse nicht auf den Tellerrand schieben, Tischtuch nicht schmutzig machen, nicht mit dem Finger nachhelfen.