„Wie kannst du nur so reden, Alwin — was soll das heißen?“
Aber Karla nickte dem Schwager zu.
Der Erfolg ihrer Gastspielabende war so groß, daß Karla keinen Augenblick das Gefühl haben konnte, nur durch eine wenn auch unsichtbare so doch gewichtige Gönnerschaft dem Verband der Königlichen Oper einverleibt worden zu sein. Immerhin vermochte sie sich nicht gleich an die wesentlich kühlere und objektivere Art der Beurteilung und Beifallsäußerung zu gewöhnen.
Nach ihrem ersten Gastspiel heulte sie die ganze Nacht in ihrem Bett. Selbst Altmann wurde unsicher. Gegen sieben Uhr früh ging er in ein Café der Potsdamer Straße, wo sie in einer Pension abgestiegen waren, um die Blätter zu lesen. Gleich die ersten Zeitungen entspannten seine Erregung. Er drückte dem Pikkolo einen Groschen in die Hand. Was er nur da hatte an Morgenblättern, sollte er ihm anschleppen. In einer entgegengesetzten dunklen Ecke des Cafés saß noch ein Herr, mit dem Rücken gegen ihn. Auch er hatte einen Stapel Zeitungen vor sich auf einem Stuhle liegen. Der Pikkolo lief von einem zum anderen, um die Blätter auszutauschen. Um dreiviertel acht hatte Altmann die hauptsächlichsten Zeitungen gelesen; er war ganz beruhigt. Die Urteile waren durchweg sehr anerkennend. Karla war berechtigt, eine allererste Stelle am königlichen Institut einzunehmen und „es war anzunehmen, daß sie dereinst eine Zierde der Königlichen Oper sein würde, wenn sie sich erst die auf längeren Gastspielreisen angeeigneten virtuosenhaften Mätzchen abgewöhnte“.
Ohne Hieb und Stich ging es nicht ab — das wußte Altmann. Es kam nur auf die Grundstimmung an, und die konnte nicht besser sein. Er lehnte sich zurück an den roten Samt des Sofas und atmete erleichtert auf. Mehr durften weder Karla noch er verlangen. Sie brauchten ihre Heimkehr nicht zu bereuen — nein, gewiß nicht. In diesem Augenblick erhob sich der Herr in der Ecke, ließ sich in den Mantel helfen und griff nach seinem Hut. Jetzt erst stand er im Licht.
„Du, Alwin? ... Was machst du?“
Dr. Alwin Maurer blinzelte den Schwager mit seinen tiefliegenden, fettumpolsterten Augen ein bißchen verlegen an.
„Ich habe wissen wollen, was die Zeitungen sagen ... Unsereins ... nicht wahr ... ob’s uns gefällt oder nicht ... darauf kommt es nicht an .... Und Karla schien mir verstimmt ... Adele konnte es gar nicht verstehen ... Die meint ja natürlich, daß es schon eine große Ehre ist, daß Karla überhaupt da oben auf der königlichen Bühne stehen und den Mund auftun durfte. Nun, ihr könnt zufrieden sein ... sehr zufrieden ...“