„Selbstredend ... ist es ein großer Erfolg. Das sind so Primadonnenlaunen, die Karla sich da unten angewöhnt hat. Ganz verrückt kann sie einen machen. Ich werde ihr mal gleich den Kopf zurechtsetzen ... Es ist ja lächerlich.“

Altmann sprach wieder bedeutsam und selbstbewußt. Dr. Alwin Maurer drückte den Hut in die Stirn. Er hatte Eile. In zehn Minuten mußte er in der Klasse sein. Adele hatte ohnehin ein komisches Gesicht gemacht, weil er, ohne gefrühstückt zu haben, davongelaufen war.

„Grüße sie ...“

Alle Herzlichkeit legte er in das Wort, mit Blick und Händedruck. Dann ging er. — — —

Zwei Wochen später trat Karlas Vertrag in kraft. Sie kabelte an John Russel für Kapelle: „Alles in Ordnung. Bin glücklich. Ewig dankbar. Karla König.“

Als das Telegramm hinter dem Postschalter verschwand, stand Karla noch eine Weile im Gedränge des überfüllten Postraumes herum, als hätte sie etwas verloren oder vergessen und könne sich nicht besinnen, was es sei.

Draußen nieselte es, und der kalte Oktoberwind riß die letzten Blätter von den Bäumen. Die Wolken jagten in kaltem Grau über den Himmel, Karla schauerte zusammen und zog den Pelzkragen fester über die Schulter.

Rasch schritt sie aus, um die Motzstraße zu erreichen. Sie wollte Schmerzchen mit sich herüber nehmen in die Pension. Einmal allein mit dem Kind sein! All die Tage war es ihr nicht möglich gewesen — auch hatte ihre Aufregung sie ganz beherrscht. Sie mochte nicht daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn ihr Gastspiel zu einem anderen Ergebnis geführt hätte! ... Am meisten beruhigt hatte sie der Papa, obwohl — —

„Charmant, Kleine ... charmant! Du bist ein Temperament! Du lebst! Du bist was Neues. Vielleicht eine Spielerei, vielleicht eine ersehnte Notwendigkeit — so genau läßt sich das jetzt noch nicht sagen. Laß die Leute nur nicht einschlafen — verstanden? Es brauchen keine Indianerüberfälle zu sein ... aber so was ähnliches — John Russel ist mein Mann! Der hat mir gefehlt, Kleine! Der hätte mich zum ersten Tänzer von Europa gemacht! Aber Deine liebe Mutter — die bürgerlichen Instinkte — verstehst Du — Du hast auch bürgerliche Instinkte — leider! Hast dir einen Mann zugelegt, ein Kind ... jetzt kommt die Wohnung dran — nicht wahr? Regelmäßige Tischzeit, Marktpreise, Einladungen zu Kaffee und Kuchen ... tja ... sehr nett, sehr nett ... Nur nicht zu viel davon. Bleibe ‚Göttin‘ ... tja ... Primadonna ... muß das sein. Na und dein Mann? Immer der alte, ja? ... Ach was? So so ... eine Stellung hat ihm Russel angeboten? ... Sieh mal an! Potz tausend! ... Hättest ihn dortlassen sollen, liebes Kind! Sehr dumm, Kleine, sehr dumm! ... Na — vorläufig sonnt er sich in deinem Erfolg ... ganz schön. Am Schauspielhaus ist wohl nichts frei für ihn, wie? ... Wird schwer halten, Kleine ... sehr schwer. Man spielt nicht ungestraft zwanzig Jahre an kleinen Provinzbühnen ... Das haftet an. Wie ein Geruch, weißt du. Habe ich kennen gelernt — die Herren Intendanten mit der Hauptmannsuniform! Famose Kerle auf dem Kasernenhof, bei der Parade — von Kunst keinen Dunst! ‚Strammstehen‘ — das ist alles, was sie verlangen, und sparen ... ja ... sparen — alles, was sie können. Hier blüht der Weizen deines Mannes nicht. Macht nichts. Du verdienst für zwei ... bist überhaupt eine Nummer für Berlin ... mal was anderes ... Ruf’ mich, wenn du eingerichtet bist. Will mal sehen, wie meine berühmte Tochter wohnt ...“

Gerade heute schloß Altmann den Mietvertrag ab in der Landgrafenstraße. Adele und Luise hatten sich der Wohnungsfrage mit all der ihnen eigenen Energie angenommen. Karla wurde kaum gefragt.