Bodo Völkel hatte noch immer keinen Besuch in der Motzstraße gemacht. Adele machte Karla eigentlich dafür verantwortlich. Karla hätte den jungen Mann „ermutigen“ sollen. Es war heutzutage gar nicht leicht, ein mitgiftloses Mädchen zu verheiraten!
Adele hatte Erkundigungen eingezogen. Völkel hatte einen reichen, sehr klapprigen Onkel, einen Geizkragen, der sein Geld zusammenhielt. Aber mitnehmen konnte er es doch nicht! Wenn er starb, war Bodo Völkel sein einziger Erbe!
„Ekelhaft“, fuhr es Karla heraus.
„Was meinst du? Was findest du ekelhaft?“
„Auf den Tod eines Menschen zu spekulieren.“
„Du willst wohl sagen: damit rechnen?“ warf Luise scharf ein. „Das muß man wohl, wenn man vernünftig ist.“
„Ja ... was wollt ihr eigentlich von mir?“
„Du hättest den jungen Leuten Gelegenheit geben können, sich zu treffen, ganz unverbindlich für ihn natürlich, aber doch ... Du siehst doch, er wagt es nicht, sich an die Eltern zu wenden! Da muß man eben ein bißchen nachhelfen.“
Karla wollte sagen: Das brauche ich nicht, das besorgt Vicki schon allein — aber es kam ihr vor wie häßliche Angeberei. Es war ihr zudem aufgefallen, daß der junge Architekt sich plötzlich zurückgezogen hatte. Ein kurzer Neujahrsbesuch war alles gewesen, was der Sendung seines Azaleentopfes gefolgt war. Vielleicht hatte er sich auch erkundigt, vielleicht hatte er in Erfahrung gebracht, daß die große Primadonna gar keine reiche Frau war, wie Vickis Wunsch es ihm dargestellt hatte? ...
Adele aber schürte den Schmerz im Herzen ihrer Tochter, wußte längst von den heimlichen Verabredungen, die sie noch vor kurzem gehabt hatte, und den tiefen Enttäuschungen, wenn er einmal nicht gekommen war.