„Nur nicht tun, als ob ich wirklich etwas wüßte, Kind ... Erst, wenn du seiner ganz sicher bist ... Es darf nicht aussehen, als ob du ihn einfangen wolltest ... ja nicht! Die jungen Leute haben heutzutage einen so entsetzlichen Freiheitsdrang! Die Verliebtesten wollen zart und unmerkbar geführt werden ... aber es muß auch der Augenblick kommen, da sie sich überzeugen, daß wir ihnen über alles gut sind. Das wirkt dann und schläfert alle Bedenken ein.“
Frau Dr. Adele Maurer wäre aufs tiefste entrüstet gewesen, wenn man sie schamloser Kuppelei bezichtigt hätte. Es war in ihren Augen nur mütterliche Politik, die aus ihr sprach, Vorsorge, Angst um die Zukunft der Tochter. Auch wie ein unbewußtes letztes Sehnen nach einer neuen würdevollen Mutterschaft, die im Gebären der Tochter ein Wiederaufleben längst vergangener Mutterfreuden feiert ...
Bodo Völkel hatte sich wirklich erkundigt, hatte wirklich die Zwecklosigkeit seiner Werbung eingesehen. Sein flüchtiges Gefallen an Vicki wäre schmerzlos verebbt, hätte sie nicht mit einer Leidenschaftlichkeit, die er dem blonden jungen Ding kaum zugetraut hätte, immer wieder den abreißenden Faden geknüpft.
Er brauchte nicht gleich anzuhalten, er brauchte die Tante nicht zu besuchen — er sollte ihr nur gut bleiben, sollte seine kleine, dumme Vicki nicht fortschicken. Und er schickte sie nicht fort — schon weil er niemand hatte, der ihre Stelle einnehmen konnte. Er ließ sich lieben, launisch, rücksichtslos, immer erfüllter von der Bedeutung seiner angebeteten Männlichkeit. Er brachte es, ohne es eigentlich zu wollen und mit den abgebrauchtesten Mitteln, dahin, daß Vicki wie Wachs in seiner Hand wurde, sich willenlos fügte, beglückt von einem freundlichen Wort, einer flüchtigen Liebkosung. Sie war — das freilich hatte sie der Mutter nicht gesagt — mehrfach auf seinem Zimmer gewesen, hatte wie eine kleine Hausfrau bei ihm Ordnung gemacht, Staub gewischt, seine Schlipse gewendet, seine Wäsche geflickt. Alles mit einem verschämt lachenden: „Aber, Bodo, das ist doch mein Amt ...“
Es kam vor, daß er ausgegangen war, gerade wenn sie ihm ihren Besuch für eine bestimmte Stunde in Aussicht gestellt hatte, und er war oft grob, wenn er zu Hause blieb und ihrem Treiben zusah. Aber dann fehlte sie ihm wieder, wenn sie aus irgendeinem rein äußerlichen Grunde hatte fernbleiben müssen, und er küßte sie fast leidenschaftlich bei der nächsten Zusammenkunft. Sie war so frisch und jung wie eine Knospe, er war von Ehrgeiz zerwühlt, vor Wut auf seinen Onkel erbittert, der ihn alle Dürftigkeiten des Lebens auskosten ließ, von Gier nach Prunk und Aufwand zerfressen.
Eines Nachmittags — Vicki war seit Tagen blaß und stumm umhergegangen — fand Adele einen Brief, mit „Bodo“ unterzeichnet. Sie wurde sehr bleich, als sie ihn gelesen hatte. Es war von Beziehungen die Rede, die aufhören mußten, ehe etwas geschah, was er nicht gutmachen könnte. Sie sollte tapfer und klug sein — sie würde gewiß einen Mann finden, der sie glücklich machte. Er könnte es nur aufs tiefste beklagen, daß die äußeren Umstände usw. ...
Die Knie zitterten Adele Maurer. Dennoch fand sie die Kraft, ihrer Vicki, die eben ins Zimmer trat, zwei schallende Ohrfeigen zu geben.
„Du ehrvergessenes Ding! Schande über dich ... pfui ...“
Vicki weinte nicht einmal. Sie warf sich auf ihr Bett und vergrub ihren Kopf in den Kissen. Aber die Mutter ließ nicht locker. Wie mit eisernen Zangen entriß sie der Tochter ihr tiefstes Geheimnis. Sie schreckte vor keiner noch so brutalen Frage zurück. Sie fühlte als Mutter nur die „heilige Pflicht“, alles zu wissen — alles — bis aufs letzte. Und als sie es erfahren hatte, da wendete sie sich ab und atmete leise und erleichtert auf. Sie hatte eine Waffe in der Hand. Der Mann entging ihr nicht. Sie selbst hatte einst ihre Arme um den Studiosus Alwin Maurer geworfen, ihre Tochter war nur weiter gegangen. Das war gewiß empörend, aber wen ging das was an, wenn Vicki erst Frau Völkel war? Und sie mußte es werden, mußte ...
Sie wollte erst zu ihrem Manne. Dann besann sie sich. Nein — an dem hatte sie keine Stütze in der Frage, an dem nicht. Das mußte in der Landgrafenstraße durchgefochten werden. Karla war ja mit schuld an der ganzen Sache! Hatte Blumen von dem Manne angenommen, hatte es gelitten, daß Vicki mit ihm im Tiergarten herumspazierte vor ihrer Nase ...