Die Schwestern drängten ihn zur Tür, als es draußen klingelte.
„Geht ... so geht doch ... ich werde abgeholt ... und ich bin nicht fertig ...“
Im Speisezimmer nahm Luise dem Mädchen die Karte von Gaudlitz ab.
„Schon wieder der? ... Karla hätte wahrhaftig auch allein fahren können —“
Adele winkte ab. Wie ungeschickt Luise war ... was ging sie jetzt Karla an und ein Herr, der sie abholte —? Um ihre Tochter, um Vicki handelte es sich!
Durch die Glastür des Empfangszimmers sah man Licht brennen und den schlanken, großen Schatten eines Mannes. Es kostete Altmann Überwindung, jetzt nicht hineinzugehen ... Aber Adele drängte. Alwin — dieser „Waschlappen“, war zu nichts zu gebrauchen! Er selbst mußte eben ... und wenn das Haus zusammenstürzte — er mußte ...!
Luise blieb eine Weile am Treppengeländer stehen und blickte den Geschwistern nach. Ihre Lippen lagen hart aneinander, und ihre Gestalt steifte sich wie in Abwehr gegen das Leben, das ihr erschien wie ein großes Ungeheuer mit langen Pranken. Mit diesen Pranken griff es ein in das stillste, verschlossenste Haus, mit diesen Pranken riß es die Nächsten auseinander und zerfleischte ihnen das Herz. Adele hatte nichts gesehen ... der Bruder sah nichts ... Spielerisch gaukelte ihnen das Ungeheuer Freundliches vor — um sie desto sicherer zu umgarnen, zu vernichten! Aber sie wenigstens wollte sehen, wissen, wen das Ungeheuer sich hier ausersehen hatte, sein Vernichtungswerk einzuleiten ...
Da drückte sie die Klinke des erleuchteten Zimmers nieder. Und sie sah einen hochgewachsenen Mann im Frack und weißer, seidener Weste, mit einer weißen Nelke im Knopfloch, einem schrägen, blonden Scheitel und einem kurzgehaltenen blonden Schnurrbart. Er verneigte sich und blickte ihr mit schönen, offenen blauen Augen entgegen.
„Meine Schwägerin läßt Sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden ...“
„Bitte sehr, Gnädigste.“