Im Musikzimmer standen zwei große Bechsteinflügel einander gegenüber. Statt der Stühle waren hier zwanglos bequeme Korbsessel aufgestellt, mit kleinen roten Rückenkissen. In den Ecken des großen Saales standen prachtvolle Marmorbüsten von Beethoven, Weber, Wagner und Brahms.
„Wenn ich im Winter herkomme, gibt’s hier immer ein paar nette Musikabende.“
Karlas Atem ging schwer.
„Schön muß es sich hier singen“, murmelte sie.
Alice Reichenberg lächelte.
„Wollen Sie versuchen? Ich begleite Sie ... was soll es sein?“
Alice Reichenberg begleitete sonst besser. Aber Karlas Stimme bewegte sie so tief, wühlte so sehr alles auf, was sie an Jugendträumen und Sehnsucht längst erstickt wähnte, daß sie Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie hätte mit geschlossenen Augen in einem der Korbstühle sitzen und sich von den machtvollen und doch so innigen Tönen in das ferne Traumland tragen lassen mögen, das Geburt und Stellung mit eisernen Toren vor ihr abgeschlossen hatten ...
Es lag eine süße, geheimnisvolle Urgewalt in dieser Stimme, die wie der kunstlos hinfließende Sang einer klaren Seele war. Hier in Berlin mochten sie Karla König anerkennen, ja sogar bewundern — in Wien würden sie sie lieben! Nicht, weil sie dort mehr von Kunst verstanden — dafür hatte auch Alice Reichenberg nur ein leises, ironisches Lächeln — aber weil sie dort naiver waren, große Kinder, bereit, sich jedem Aufruhr ihrer leicht bewegten Sinne restlos hinzugeben. In Wien würden sie Karla König anbeten.
Der Türflügel zum Nebenraum hatte sich leise geöffnet und wieder geschlossen. Weder Karla noch Alice Reichenberg hatten es gemerkt.
Sehr ergriffen sahen sie einander in die Augen.