Unter einer blühenden Linde war der Tee gerichtet. Schwere weiße Spitzen fielen von dem runden Tisch herab. Altes, wundervoll gearbeitetes Silber glitzerte zwischen den Altberliner Tassen. Es waren nur zwei. Karla wurde rot über die Enttäuschung, die sie empfand, dann aber richteten ihre Augen sich wieder um so klarer und vertrauender auf die junge Frau. Alice verzichtete auf ihren Bruder nur, damit es nicht einmal den Anschein hätte, als wollte sie ihm Gelegenheit geben, Karla zu treffen ... Unbefangen und lebhaft plauderten die jungen Frauen.
Alice Reichenberg tippte da und dort vorsichtig an, bangend, Karla könnte sich eine Blöße geben. Wohl spürte sie das junge, unsichere Wissen, aber nirgends fand sie eine Geschmacklosigkeit oder oberflächliche Anmaßung. Die Fürstin nannte ein paar gute Bücher von jungen Dichtern, die einer neuen Richtung ihren Stempel aufdrückten. Karla hatte sie gelesen.
„Daß Sie dazu Zeit finden —!“
„Mein Schwager nimmt sich meiner an, und Zeit — ach, Zeit habe ich mehr, als ich verwenden kann. Proben — zwei- bis dreimal die Woche, Vorstellung, ein paar Wohltätigkeitskonzerte ...“
„Und gesellschaftlich?“
Karla lachte.
„Das ist nicht der Rede wert. Man muß wohl eingeführt sein, um sich gesellschaftlich zur Geltung zu bringen. Wer sollte das wohl tun, Frau Fürstin, in einer Stadt, wo man ... zu Hause ist!?“
Alice Reichenberg dachte sich, daß die Sängerin Karla König in Berlin eigentlich das Leben einer kleinen Beamtin führte. Probe — Amt. Vorstellung — Amt. Schluß. Pension. Wenn sich die Intendanz nicht durch vorzeitige Kündigung darum drückte! ...
Ob Karla sich das Haus ansehen wollte? Ihr Bruder hatte es im vorigen Jahr umbauen lassen.
Alice Reichenberg stützte sich kaum noch auf ihren Stock und gar nicht auf Karlas Arm. Die kleine Komödie war überflüssig. Karla war jetzt schon genug gezogen, um zu tun, als merke sie es nicht. Aber es fiel ihr schwer, ihr Entzücken über die Einrichtung in schicklichen Grenzen zu halten.