Karlas Herz flog dieser blonden Frau im Sturm zu.

„Sie sind ein lieber Mensch, Frau Fürstin!“

Alice Reichenberg lachte leise.

„Das sagte mein Bruder auch oft. Brüder brauchen manchmal einen lieben Menschen als Schwester. Aber er ist selbst ein lieber Kerl. Hat er Ihnen nicht erzählt, daß ich durchaus zum Theater wollte? Sie können sich denken, was das für eine Empörung hier unter meinen Verwandten auslöste — dabei ist ein Vetter von uns Intendant. Aber das ist etwas ganz anderes.“

Es klang noch eine leise, nachzitternde Erregung aus ihrer Stimme. Aber dann warf sie den Kopf zurück, und wieder trat das gewinnende, offene Lächeln auf ihre schmalen und doch kühn geschwungenen Lippen.

„Das liegt nun alles bald zehn Jahre zurück. Ich hab’ es wirklich verwunden und bin sehr glücklich mit meinem lieben Mann. Er ist zum Glück gerade so ein Kunstnarr wie ich, und wenn was Besonderes am Kunsthimmel auftaucht, dann kann man sicher sein, daß die Reichenbergs alles daransetzen, es nach Wien zu kriegen.“

Karla fühlte sich jetzt ganz wohl und frei mit der Durchlaucht. Nur das Herz schlug ihr immer noch ein bißchen unruhig, wenn sie plötzlich eine Ähnlichkeit in ihren Zügen, ihrem Lächeln, ihren Bewegungen mit Gaudlitz erkannte. Als erriete sie, was in Karla vorging, fragte sie gleich darauf, ganz unvermittelt: „Ja, finden Sie, daß wir uns ähnlich sehen, mein Bruder und ich? Dieselben Passionen haben wir jedenfalls. Art läßt nicht von Art ...

Bin ich Ihnen auch nicht zu schwer, nein? Ich dachte nur, daß es Ihnen lieb sein würde, den hübschen Garten zu sehen. Mein Bruder, zu dem ich mich auf acht Tage eingeladen habe, liebt diese Besitzung sehr, die sich seit nahezu hundert Jahren immer auf die mütterliche Linie vererbt hat. Wir erinnern uns noch, daß unsere Großmutter, wie eine Bäuerin gekleidet, jedes Jahr ein paar Wochen hier zubrachte. Unter diesen Bäumen habe ich meine ersten Kinderlieder gesungen ... Aber das langweilt Sie, liebe Frau König ...“

Das langweilte Karla garnicht. So vertraut wurde ihr auf einmal die große blonde Frau, und durch sie der Bruder.

Schön mußte es sein, den Fuß auf einen Boden zu setzen, der schon durch die Erinnerung geheiligt war, an teuere Verstorbene! Wenn der Papa ... es war schrecklich, auch nur daran zu denken ... aber wenn er starb — was behielt sie von ihm? Ein paar welke Kränze und einen — Schachtisch!