Frostig starrte ihr das Schlafzimmer entgegen, in dem grauen Dämmerlicht der Berliner Hofbeleuchtung. Sie dachte an den warmen Sommertag unter gelben Sonnenblumen — da mußte sie ihre Handflächen an die Augen drücken. So brannten ihre Lider — — —
Während des Abendessens fragte Karla sich, was sie nachher wohl tun könnte. Zum Singen war sie zu abgespannt. Im Zimmer ihres Mannes sitzen — nur um bequemer zu sitzen als anderswo ...?
Altmann ging unentschlossen hin und her, während das Mädchen abräumte und Luise das Obst in die Kredenz einschloß. Er fuhr sich ein paarmal über das Kinn und blieb dann stehen.
„Ich weiß nicht, liebes Kind, wie du dich dazu stellst, aber Lis’ und mir war es ein großer Genuß all die Zeit. Ich ... hm ... ich lese ihr jetzt allabendlich ein Stück vor, von einem unserer großen Klassiker. Es ist katastrophal, wie man sie vernachlässigt! Augenblicklich lese ich ‚Coriolan‘.“
„Wundervoll,“ sagte Luise, während ihr Schlüsselbund klirrte, „aber entsetzlich anstrengend!“
„Gewiß, meine gute Lis’, aber das spricht nicht mit ... Es ist mir, wie gesagt, selbst ein Genuß. In Berlin ist der ganze Stil für die Klassiker verlorengegangen. Schiller drehte sich im Grabe um, wenn er das sähe!“
Luise trank die Worte des Bruders. Sie hatten sich auf einander eingestellt in diesen vier Wochen, mit einer lückenlosen Genauigkeit. Karla war ein Fremdkörper geworden, dem man Platz schaffen mußte; es ging nicht ohne Sprünge und Risse.
„Also, wie meinst du, Karla? Ich will dich selbstverständlich nicht zwingen — aber an freien Abenden ...“
„Ja ... gewiß ... gern.“
Altmann fuhr ihr liebkosend über die Schulter.