„Das freut mich, Karla, freut mich ehrlich. Das ist meine Auffassung von Gemütlichkeit. Jeder hat die seine, nicht wahr? ... Wir bleiben hier sitzen, des Kindes wegen, falls es ruft, der Schlaf ist noch zeitweise unruhig. Luise nimmt eine Handarbeit ... du vielleicht auch, wie?“

Karla entsann sich der roten Decke, an der sie häkelte.

„Die liegt längst fertig in der Kommode. Die bekommt Isoldchen zu Weihnachten“, sagte Luise, und ein etwas spöttisches Lächeln verzog ihre Lippen.

„Warum denn ... warum hast du meine Arbeit ...?“

„Aber sie wäre ja doch nie fertig geworden, Karla“, schnitt die Schwägerin ab.

Nein ... Karla wäre nicht fertig geworden mit ihrem Träumen und Denken ... und die Arbeit wäre nicht fertig geworden. Es war richtig. Aber es tat weh. Und eigentlich gehörte es sich nicht.

Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und kreuzte die braunen, sonnenverbrannten Hände über der Tischdecke — ergeben, geduldig, sanft.

Altmann las. Mit vollem Organ und viel Ausdruck. Mit schrecklich viel Ausdruck und aufreizender Deutlichkeit. Jedes „und“ und jedes „aber“ hatten die Bedeutsamkeit eines Gedankens, jeder Gedanke ertrank in dem Gleichmaß der Bedeutung. Luisens Augen glänzten. Nie war sie so durchdrungen davon, daß dem Bruder Unrecht geschah von den Bühnenleitern, wie an den Vorleseabenden. Sie und Adele hatten ihn unterschätzt ... sie hätte weinen können darüber. Er war ein großer, ganz großer Künstler. Er hatte seine Karriere und seinen Ruhm seiner Frau geopfert — aus Liebe, aus Großmut. Nie konnte Karla ihm das genug danken — nie! Luisens Blicke ließen nicht ab von seinem schönen Gesicht, das so tragisch aussah bei pathetischen, dramatischen Stellen, und ihre Blicke zogen die seinen zu ihr herüber, zogen seine Stimme, seine Worte an — daß sie bald nur ihr galten und über Karla hinwegfluteten wie über den Stuhl, auf dem sie saß.

Karla krampfte die Finger ineinander. Etwas bohrte an ihrem Herzen. Erst leise, dann immer stärker. Die Nacht fiel ihr ein auf der Veranda des Hotels in Brasilien, und wie sie gewartet und wie sie es nicht für möglich gehalten hatte, was doch geschehen war ... Und das war nur ein Kinderspiel gewesen gegen das, was jetzt geschah.

Eine Mariette hatte ihr nichts nehmen können — nichts, als allenfalls eine Stimmung.