„Komm, Isoldchen ...“
Karla hatte Schmerzchen den Matrosenhut abgenommen, bedeckte das braune Haar mit Küssen.
Luise lächelte nachsichtig.
„Du hast dich aber auch gleich, Karla! ... Das Kind bekommt nie starkes, dichtes Haar, wenn es nicht geschoren wird. Jawohl, Isoldchen, wie ein Schäfchen wirst du geschoren und wirst aussehen wie ein kleiner Junge.“
Schmerzchen nickte. Die bevorstehende Verwandlung hatte etwas ungemein Geheimnisvolles für sie. Das Leben war überhaupt voller Reize und Schauer. Die Mama schien das zu verstehen — die Mama weinte sogar! Und das wäre natürlich sehr erschreckend gewesen, wenn Papa und Lis nicht gelacht hätten. Die wußten es doch immer besser.
„Warte, Schmerzchen ... halt’ still ... es tut nicht weh.“
Karla ergriff die Papierschere auf Altmanns Tisch. Eine Locke wollte sie für sich abschneiden. Wenigstens eine greifbare Erinnerung haben an das seidenweiche, nußbraune Haar ihres Kindes.
Schmerzchens Gesicht wurde ganz rot vor Anstrengung, stillzuhalten. Am liebsten wäre sie ja davongelaufen, aber ihr war noch vom Weihnachtsabend erinnerlich, daß die Mama ihr nicht weh tat. Nur begriff sie nicht, warum die Mama weinte. Tante Lis begriff es auch nicht. Papa aber ging ärgerlich im Zimmer auf und ab und sagte:
„Karla ist immer noch der reine Backfisch.“
Karla fuhr in die Stadt und kaufte sich eine dünne Kette und ein goldenes Medaillon für Schmerzchens Locke.