Im Schachklub, den er jetzt öfters besuchte, traf er manchmal ihren Papa, den ehemaligen Tänzer. Über zehn Worte war er früher nie mit ihm hinausgekommen — jetzt suchte er Anknüpfungspunkte.
Aber er wurde auch aus dem zierlichen kleinen Herrn mit dem silberweißen Kopf und der altfränkischen Baletteleganz nicht immer klug. Lobte Gaudlitz eine Leistung Karlas, sprach er begeistert von ihrer Stimme, dann warf der Papa eine Kußhand in die Luft.
„Superb ... die Kleine ist superb ... überraschend ... Müßte mehr aus sich machen ... viel mehr. Aber das kommt noch. Wenn sie erst die Angst kriegt ... wenn sie erst in die Jahre kommt ... Dann kriegen sie alle das Fieber, wollen alle das Rennen machen! So lange sie jung sind, hüpfen sie herum wie kleine Mädchen — pflücken Blumen, flechten Kränze — spielen ...“
Gar so viel lag Gaudlitz garnicht an einem neuen, großen Aufstieg Karlas. Sogar das Gastspiel in Wien, für das seine Schwester sich so eingesetzt hatte, reute ihn. Er kannte seine Schwester. Entweder ernstmachen — oder weit weg vom Schuß bleiben. Wenn es ihm einfiele, in Wien zu hocken, Karlas wegen, würde Alice ihn mit ihren großen blauen Augen ernsthaft ansehen und ihn fragen: „Soll mein Haus euer Treffpunkt sein — oder was meinst du?“ ... Und wenn er dennoch blieb, dann fand Karla verschlossene Türen im Palais der Fürstin Reichenberg. Ohne ihre Schuld. Dann schadete er ihr — in den Augen der Gesellschaft, der Schwester ...
Die Sache war gar nicht so einfach. Ja, hätte er Alice nicht gleich reinen Wein eingeschenkt ...! Aber da war es eben mit ihm durchgegangen, und auch, wenn er nichts gesagt hätte — gemerkt hätte sie es.
Karlas Papa wurde einsilbig, wenn Gaudlitz auf ihr Privatleben zu sprechen kam.
„Ja — so — hm — möglich — weiß ich nicht — kümmere mich nicht — ihre Sache ...“
Der Papa hatte auch blaue Augen. Aber die konnten verflucht hart blicken, wie geschliffener Stahl. Und er hatte auch seine Mucken, der alte Herr. Merkte es doch genau, wie brennend gern er von ihm mehr und Näheres über Karla erfahren hätte — tat aber gar nichts dergleichen, spielte nur um so eifriger Schach, wenn Gaudlitz um ihn herumstrich.
Weiß der Teufel, was der Alte sich dachte. Aber er, Gaudlitz, konnte doch nicht erst in aller Form um Karla anhalten, da sie verheiratet war.
Und wie verheiratet! Das hing alles mit tausend Ketten an ihr — und sie schleppte alles mit durch.