Sind sie denn Gräfinnen, deine Schwestern? wollte sie fragen. Im letzten Augenblick hatte sie sich noch zurückhalten können. Aber innerlich lachte sie.

Altmann läutete.

Unter der Klingel im dritten Stock rechts leuchtete ein weißes Schild. Auf dem stand zu lesen:

Dr. Alwin Maurer.

Es war die in Berlin übliche Fünfzimmerwohnung. Die Wohnung, von der es nach der Geburt des zweiten Kindes heißt: Sie ist zu klein und muß gegen eine andere umgetauscht werden.

Aber das blieb ein frommer Wunsch. Denn erstens vertrug das Einkommen Dr. Maurers kaum einen Umzug und noch weniger Neuanschaffungen.

Als junger stud. phil. war er bei Adelens Mutter Kostgänger gewesen ... Mittag zu 75 Pfennig. Nach einem weihnachtlichen Karpfen in polnischer Sauce blieb er endgültig hängen an der so vorzüglich kochenden Adele, an ihrer trotz ihrer weißen Haare noch immer schönen, strengen Mutter, an den guten, gediegenen Möbeln, an dem dünnen, aber reinen Kaffee, der, stets dampfend, in einer großen, bauchigen Kanne von einem rotwangigen, drallen Dienstmädchen hereingebracht wurde und mit seinem Duft eine Wolke von Behagen in alle Ecken des Zimmers verspritzte.

Alwin Maurer war sich bald bewußt, daß er alles und alle in dem Hause liebte, und da ihm jede Vergleichsmöglichkeit fehlte, so konnte ihn nichts von dem Gedanken abbringen, daß er in Adele Altmann die beste Lebensgefährtin, in Frau Altmann die idealste Schwiegermutter, in Luise Altmann die netteste Schwägerin finden würde. Blieb noch Ernst Altmann. Aber der zählte nicht recht. Denn erstens lebte er nicht in Berlin, und zweitens war er Schauspieler.