Dr. Maurer war es zufrieden, daß die Schwägerin das Haus verließ. Ihre Aufopferungsfähigkeit demütigte ihn. Auch war es ihm oft peinlich gewesen, daß die Schwestern sich in vielen Fragen besprochen und ihn dann vor die vollzogene Tatsache gestellt hatten.

Je weiter die Hungertage der Studentenzeit von ihm fortrückten, desto mehr verstärkte sich sein Bewußtsein als Mann und Familienvorstand.

Die „prächtige Luise“ war ein willkommener Gast. Aber mehr als Gast sollte sie im Hause nicht sein.

Adele kam leichter, als sie gefürchtet, über die veränderte Lage hinweg. Denn als die Jüngere hatte sie manches Mal Ratschläge anhören müssen, die ihr nicht immer zusagten. Auch sie sehnte sich nach „Entfaltung ihrer Selbständigkeit“. Die Zuwendungen der Schwester waren noch lange Jahre willkommen — denn Dr. Maurer war ein Epikuräer.

Das, was ihm einst als ein Gipfel menschlichen Behagens vorgeschwebt hatte, genügte seinen erwachten Sinnen längst nicht mehr. Und die größer werdenden Bedürfnisse weckten seinen Ehrgeiz.

Adele, die aufgewachsen war in den Begriffen kleiner Bürgerlichkeit, fand es selbstverständlich, daß ihr Mann seine zwei freien Abende in der Woche hatte. Das Geld für einen kleinen Verlust beim Skat und für etliche Glas Bier mußte einfach da sein. Da verzichtete die Familie eher auf einen Sonntagsausflug oder Adele auf ein Paar Handschuhe.

Denn vor allem kam der Mann.

Der „vor allem“ mußte anständig angezogen sein und mußte mit ein paar Silberstücken in der Hosentasche klimpern können. Das gehörte sich so. Auch Luise war derselben Meinung. Es wurde auch bald selbstverständlich für Dr. Maurer. Nur reichten die Silberstücke fast nie so lange, wie sie sollten. Dr. Maurer rauchte gern eine anständige Zigarre und trank lieber Echtes als Lager. Ein paarmal war es vorgekommen, daß er sich in eine nette Weinstube hatte mitziehen lassen ... Und da machte er die Entdeckung, daß die Gespräche beim Wein — wenigstens während der ersten zwei Flaschen — viel gehaltvoller und geistiger waren. Daß auch die sinnfälligen Freuden dieses Lebens in der weindunsterfüllten Luft weit freundlichere Beurteilung fanden als an dem filzbestreuten Biertisch. Der Wein regte die Phantasie an, führte in das gelobte Land unbegrenzter Möglichkeiten.

Alwin Maurer war kein Trinker, aber er war weinfest und gehörte zu denen, deren Seele hohe Flüge macht, während ihr Körper wie angeschmiedet vor den sich erneuernden Flaschen verharrt.

Einige Male war es ihm gelungen, die erhöhte Stimmung bis nach Hause zu retten. Da war es ihm gewesen, als zöge ihn eine unsichtbare Gewalt zu seinem Schreibtisch. Er nahm die Feder zur Hand und schrieb einen Aufsatz über individuelle Erziehung. Er erschien bald darauf in einem Fachblatt und erweckte eine lebhafte Polemik, die sich spaltenfüllend in der Zeitschrift austummelte. Aber das Honorar bezahlte ihm kaum die Flasche Niersteiner, die er getrunken.