„Schmerzchen! ... Tante Adele ist da!“
Die Schwestern tauschten einen Blick. Luise nickte dabei: Ja ... ja ... so nannte er das Kind jetzt oft ...
Adele seufzte auf.
Schmerzchen kam herein; nicht sehr eilig. Ein weißes Schürzchen mit gestickter Krause deckte fast vollständig das dunkelblaue, an den Ellbogen geflickte Kleidchen. Ihr Haar war in zwei ordentliche Zöpfe geflochten, die eine schwarze Schleife zusammenhielt. Ihr Gesichtchen war länglich und zart, die Brauen gerade und dunkel. Kurze, dichte Wimpern umschatteten die großen braunen Augen, die rund waren, wie die ihrer Mutter. Sie knixte, sagte guten Abend. Ihr Lächeln hatte einen wehmütigen Zug. Ihre Augen blickten meist vorbei an dem, der mit ihr sprach — blickten geradeaus durchs Fenster oder zur Tür, als müßte in der Luft draußen etwas Ersehntes vorüberschweben oder zur Tür irgendwas Erwartetes eintreten.
Das war ihr nicht abzugewöhnen. Es lag darin eine große, fast unheimliche Gleichgültigkeit für ihre Umgebung. Nur ihrem Papa und Pauline, die sie ganz selten einmal besuchte oder zum Großpapa abholte, sah sie lange und mit heiterer oder ernster Aufmerksamkeit ins Gesicht. Und auf dem Grunde ihres Ernstes, ihrer Heiterkeit lag es immer wie eine stumme Frage.
Denn die Erwachsenen hatten ihr verboten, zu fragen — so oft zu fragen, wann die Mama käme. „Im Sommer“, sagte Papa ausweichend.
Schmerzchen bekam wunderschöne Ansichtskarten von der Mama, mit so vielen, vielen Küssen darauf, daß sie sie gar nicht zählen konnte. Schmerzchen las Mamas Schrift wie Gedrucktes und war sehr stolz darauf. Mama schrieb so zärtlich, hatte so viele, gute, schöne Wörtchen für sie. Die Mamas der anderen Kinder hatte sie nie so zärtliche Worte sagen hören!
Ja ... aber die anderen Mamas blieben bei ihren Kindern, gingen nie fort von ihnen ... nie. Sie hatte es manchmal aufgeschnappt, wenn Damen unter sich sprachen: „Ich könnte mich von meinem Kinde nicht trennen —“, „Ohne mein Kind — nein, dazu habe ich es viel zu lieb“. Das gab Schmerzchen jedesmal einen bösen, heftigen Stich.
Seit nun aber der Papa gesagt hatte: „Im Sommer“, hatten Schmerzchens Zukunftsvorstellungen einen gewissen Umriß erhalten. Sie würde weiße Kleider tragen und mit Mama spazieren gehen wie andere Kinder. Mama würde sie von der Schule abholen, und sie würde sagen: „Ich habe keine Zeit, mich mit euch herumzubalgen, meine Mama wartet unten.“ Ganz laut würde sie sagen „meine Mama“, daß die ganze Klasse es hörte! Und auf der Straße würde sie sich von ihrer Mama küssen lassen ... da konnten die anderen sehen, wie die Mama sie lieb hatte.
Die Aprilsonne brannte bereits durch die Fensterscheiben. Aber wen sie auch fragte — noch war es nicht Sommer. — — —