Das Fenster stand weit auf, und die warme Abendluft kroch über die Weinranken und Geranientöpfe der kleinen Loggia in Adelens Eß- und Wohnstube. Auf dem Tisch lag die Wäsche ihres Mannes. Auf den Stuhllehnen hingen die Röcke, auf dem Boden standen Stiefel, braune Schuhe, Pantoffeln. Adele zählte alles durch, trug es auf zwei weiße Blätter ein, unter die Überschrift: „Verzeichnis“. Sie holte noch eine Flasche Kölner Wasser, drei Seifenstücke und eine Schachtel Zahnpulver aus dem Schlafzimmer. Dann stand sie noch einmal auf und holte den Schwamm, den Waschhandschuh. Zu dumm, wie ihr Gedächtnis nachgelassen hatte. Bald hatte sie dies, bald das vergessen und jenes übersehen. Seit Wochen hatte sie nichts getan, als geplättet, geflickt, geputzt, gekauft. Sie war wie zerschlagen! Der Mann verreiste auf kaum einen Monat, und es machte ihr fast ebensoviel zu schaffen, wie Vickis Hochzeit. Wie hatten doch ihre Kräfte nachgelassen in den paar Jahren! Im Grunde war sie es zufrieden, daß sie allein blieb. Ganz allein. Daß sie nur sich selbst leben konnte, nicht kochen, nicht räumen brauchte. Ausruhen durfte. Endlich mal ausruhen! Auch die Bedienungsfrau durfte ihr nicht ins Haus.
Alwin Maurer kam herein, blinzelte mit den Augen im grellen Weißlicht der Gaskrone. Er fuhr streichelnd mit der Hand über Adelens Rücken.
„So viele Mühe machst du dir ...“
„Ach was ... komme du nur gesund zurück. Ja und dann bitte ich dich Alwin ... gib Acht auf deine Sachen. Sieh mal her ...“
Dr. Maurer nickte zerstreut.
„Ja ... ja, gewiß ... danke schön .. Sag’ mal, hat Fritz nichts geschrieben? Noch immer nicht?“
Sie neigte den Kopf tiefer, drückte das Kinn an die Brust. Daß ihr Mann gerade jetzt ...
Alwin Maurer baute die Seifenstücke aufeinander. Tiefe Schatten lagen um seine Augen. Die heftigen Schmerzen, die er in der letzten Zeit ertragen mußte, hatten eine scharfe Leidenslinie um seinen Mund eingegraben, die der kurze, rötliche, grauuntermischte Bart kaum verdeckte.
„Der Junge gefällt mir nicht ... schon eine ganze Weile nicht. Paß auf.“
„Ich soll aufpassen ... ich! Ich kann mich nicht zwischen ihn und meinen Bruder stellen. Das weißt du. Du kennst Ernst genau so gut wie ich. Früher war er anders, aber jetzt ... Er hat Worte, die wie scharfe Messer sind. Wenn er so mit Fritz gesprochen hat ... Fritz ist kein kleiner Junge mehr ... Fritz ist Offizier. Er selbst hat es ihn ja werden lassen. Er konnte sich denken, daß ein Leutnant anders auftreten muß als ein kleiner Schauspieler, ein Lehrer.“