Zum ersten Male in ihrem ganzen Leben gab Adele den heißgeliebten Bruder der Kritik ihres Mannes preis. Zum ersten Male klagte sie ihn an, verurteilte ihn.

Jetzt wußte sie erst, wie er war, wie er sein konnte. Jetzt klammerte sie sich an ihren Mann, erwartete von ihm Trost, Beruhigung, Abhilfe.

„Du mußt noch vor deiner Reise mit Ernst sprechen. Mußt ihm sagen ...“

Aber Alwin Maurer schüttelte den Kopf, und sein Gesicht wurde noch grauer.

„Wir haben freiwillig auf unser Elternrecht verzichtet, Adele, an dem Tage, da wir das Anerbieten deines Bruders annahmen. Unsere Sorge um unsere Kinder gibt uns ein Recht auf sie — nicht der Umstand, daß wir sie in die Welt gesetzt haben.“

Adele führte die grobe, dunkle Schürze an die Augen.

„Darum ist er aber doch immer unser Kind ...“

„Ja ... wie Vicki unser Kind ist, seitdem ihr Mann für sie sorgt. Genau so. — Zum Packen ist auch noch morgen Zeit. Komm, Adele, laß uns einen Abschiedsschoppen irgendwo trinken.“

„Ach ja, Alwin ... das wollen wir.“

Sie kleidete sich um, tupfte ein Stückchen Watte in Reismehl und suchte so die Spuren ihrer Tränen und die heißen Flecken auf den Wangen zu verwischen.