„Doch, Graf Gaudlitz ... ich muß hingehen.“

Gaudlitz gab ihr einen Klaps auf die Hand.

„Erstens: nicht Graf Gaudlitz, sondern Hans Jochen. Nur nicht Hansel! Mein Schwager hält mich scheint’s für einen Kanarienvogel. Ich möchte mir’s verbeten haben. So. Und zweitens müssen Sie nichts anderes tun, als was Sie wollen. Von heute ab ist es so. Verstanden? Und was Sie wollen, das muß genau dasselbe sein, was ich will.“

Karla faßte lachend und nicht ohne Verlegenheit die Hand der Fürstin.

„Alice, schützen Sie mich — vor diesem Manne.“

Es nahm Karla den Atem. Sie war wirklich nicht vorbereitet auf diesen Zwiespalt, nicht vorbereitet auf das Kommen von Gaudlitz. Sie hatte an einen Telegrammwechsel gedacht; an lange Briefe, an ein sich langsames Gewöhnen — nun war er da. Lachte sie mit seinen blauen Augen an, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, daß er da war, sie „Karla“ nannte vor seiner Schwester, von der Ehe mit ihr sprach, ihr seinen Willen aufzwang ...

Und wenn das Herz ihr auch vor Seligkeit schlug — da war doch noch anderes. Viel anderes ... ihr Leben bisher, ihr Erfolg hier ... Ehren, die ihr — ganz allein galten ... Verpflichtungen, die sie allein erfüllen mußte, als selbständiger, freier Mensch — als Künstlerin ...

Aber nein — sie mußte richtig absagen in der Villa Wahnfried. Mußte Alice Reichenberg bitten, sie mit Migräne zu entschuldigen. Durfte keine Zeitung ansehen, die doch alle Depeschen gebracht hatten, alle ihren Ruhm verkündeten! Mußte einen Boten zu dem berühmten Maler schicken, der sie gebeten hatte, ihm zu einer Skizze eine halbstündige Sitzung zu gewähren; konnte kaum die Karten durchsehen, die für sie während des Vormittags abgegeben worden waren, die Briefe und Depeschen lesen, die sich auf dem Schreibtisch ihres kleinen Hotelsalons stapelten, — ja, es blieb ihr schließlich nichts anderes übrig, als in einem weiten Staubmantel, einen dicken Schleier vor dem Gesicht, in ein Auto zu steigen und sich von Gaudlitz ganz weit weg von allen abgeklapperten Ausflugsorten entführen zu lassen, nur damit er seinen Willen hatte und sie ganz für sich behielt an diesem ersten Tage.

Als sie dann am späten Nachmittag heimkehrte, da wußte ihr Mädchen nicht recht, was mit ihrer „gnä’ Frau“ geschehen war. So glückstrahlend und geistesabwesend hatte sie sie nie gesehen.

Am selben Abend noch wurde gepackt. Und auch die Rückreise mit Reichenbergs nach Wien war wie eine Entführung.