Bei geschlossenen Türen suchte Adele den Zeitungsartikel heraus. Nun ... was sagte er jetzt? ...

Altmann fand den Artikel ausgezeichnet. Er selbst hatte das humanistische Gebüffel nicht ertragen und war darum durchgebrannt. Sehr vernünftig von Alwin, er wollte ihm die Hand schütteln! So viel Mut hatte er ihm gar nicht zugetraut ...

Erst nach einer ganzen Weile begriff er, daß der Schwager gar nicht das Recht gehabt hatte, so zu schreiben. Daß es ein Verrat gewesen war an Frau und Kind, nur entschuldbar durch Alwins Feuertemperament. Aber wie hatte er sich bezwungen ... mit welchem Opfer hatte er die Ruhe des Hauses erkauft ... Und Adele legte dem Bruder den Widerruf vor.

Irgend etwas behagte Altmann nicht daran. Aber er mußte es dem Schwager doch danken, daß er Adele vor Kummer und Sorgen bewahrt hatte. Ja ... vielleicht war das eine größere Tat, als wenn er darauflos seine Überzeugung herausgeschrien hätte ... Die Schwestern wollten jedenfalls, daß er das so ansah ...

Und mit den Jahren kam es auch so weit, daß er nicht zu sagen gewußt hätte, ob Alwin Maurer ein Held oder ein Waschlappen gewesen war. Gewiß ein Held — weil er Adelens Mann war. Und noch mehr wurde er in dieser Annahme bestärkt, als der Zufall das Gespräch einmal auf den Mut der Überzeugung brachte. Da sagte Dr. Alwin Maurer, und seine Stimme war dabei ein wenig belegt:

„Es kann sein, daß der größte Mut darin besteht, sich zu einer entgegengesetzten Überzeugung zu bekennen.“

Adele und Luise drückten ihm darauf die Hand. Aber er stand vom Tisch auf und kam den Abend über nicht mehr aus seinem Zimmer heraus.

„Man darf gar nicht daran rühren“, sagte Adele.

Es gefiel ihr eigentlich, daß es in dem glatten, nichtssagenden Leben ihres Mannes eine wunde Stelle gab.

In wortloser Übereinstimmung hatten die Schwestern aus jenem Vorfall das „große Erlebnis“ gestaltet, ohne das vielleicht kein Mann auskam! Aber nun hatte er es. Nun sollte er daran leiden und sich aufrichten ...