„Es ist spät, ich muß meine Kleine nach Hause bringen!“

Karla hatte wohl oft gemerkt, daß es ihm schwer wurde, abzulehnen. Aber wenn sie ihn bat, er möchte sich von ihr nicht abhalten lassen, dann klopfte er ihr die Wange.

„Ich denk’ nicht dran ... wer weiß, wie lange ich dich noch bei mir habe.“

Nicht zum mindesten aus Rücksicht auf Papa hatte sie das erste kleine Engagement angenommen. Bei der Abfahrt merkte sie es ihm so recht an, wie froh er war, allein zu bleiben. Aber doch schrieb er immer kurze, liebevolle Kärtchen, schickte auch ab und zu ein paar Taler und wiederholte immer wieder:

„Mein Gefühl sagt mir, du wirst noch einmal eine große, berühmte Künstlerin. Halte dich, mein liebes Kind ...“

Sie hatte ihn eigentlich nicht wiedersehen wollen, bevor sie nicht „eine große Künstlerin“ geworden. Aber nun der Zufall es so gefügt, da war sie voll Erwartung gewesen und hatte gemeint, daß der innige Zusammenhang zwischen ihnen geblieben war wie einst.

Und nun war es anders, ganz anders. Dem Schach galt offenbar sein größtes Interesse. Darüber hatte schon die Mutter geschimpft, es aber geduldet, weil es von allen „Leidenschaften“ die wenigst kostspielige war. Die veränderte Lebensweise ... die röckerauschende Pauline mit der goldenen Uhrkette ... Und nun fragte er nicht einmal nach ihrer Stimme, forderte sie nicht auf, ihm vorzusingen!

Sie würgte wieder etwas herunter. Und als sie den Kopf hob, fiel ihr Blick in den verstellbaren Schaftspiegel, der den Schülern zur Überprüfung ihrer Stellungen diente. Da erschrak sie.

Ja ... so, wie sie jetzt aussah ...!

Sie hätte Papa lieber gar nicht besuchen sollen in diesem Zustand.