Der Papa zupfte sie am Ohr.
„Großer? Ta ta ... Redensart. Aber vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt — hätte Diplomat werden müssen statt Tänzer. Oder gar Feldherr ... Ich habe da eben jetzt eine Variante der spanischen Partie ausprobiert, ein Gambit im Nachzug ... sehr schade, daß unsere großen Meister sich mit diesem Gambitzug nicht befreunden wollen — sehr schade. Ich habe darüber eine eifrige Diskussion mit Herrn von Bardeleben gehabt beim Kongreß in Breslau. Übrigens habe ich jetzt eine Korrespondenz mit Leipzig — ein Gang — wir sind gerade beim siebenten Zug .... Und wenn alles klappt, dann rutsche ich nächsten Winter nach Wien rüber und messe mich mal mit dem guten Weiß. Steinitz und Tschigorin wollen auch dort sein. Die Baronin Kolisch hat Preise gestiftet. Erster Preis fünftausend Mark! Das zieht auch!“
Er warf die weiße Locke zurück, die ihm immer wieder kokett in die Stirn fiel, und seine Finger streckten sich unwillkürlich nach den Schachfiguren.
Karla hatte gehofft, ihm vorsingen zu können.
„Gibst du noch Unterricht, Papa?“, fragte sie, seltsam verschüchtert durch seine Art.
„Unterricht? ... Ja ... natürlich. Man muß doch leben. Ich habe gerade ein paar recht talentvolle Kerlchen in Arbeit. Aber eigentlich ist die große Zeit des Balletts vorüber. Es wird nichts mehr geschrieben. Und das Verständnis für Technik kommt ebenso abhanden wie für Grazie. Wenn einer nichts kann, nennt er sich Charaktertänzer. Kann er noch weniger, wird er Pantomimist. Traurig, traurig ... Na, und wie geht’s mit dem Gesang? Die Kleine hatte eine hübsche Stimme ... Und ich las, sie singt jetzt Wagner ... bravo, bravo ... Sehen Sie, lieber Schwiegersohn, hier erteile ich Unterricht.“
Es war ein ziemlich großer, kahler Raum, in dem nur ein alter Flügel stand, und an der Wand Stühle und Sessel von verschiedener Form.
„Na, Karla ... kennst du deine Partner wieder? ...“
Sie nickte. Ganz weh wurde ihr zumute. So lustig war der Unterricht gewesen, so ganz aufgehen hatte sie dürfen in allen Leidenschaften! Und dann nach der Stunde waren sie beide in die Küche gelaufen und hatten dort gleich ihr Abendbrot verzehrt, damit sie nicht so viel Mühe hatte. Und den ganzen Abend über hatte Papa mit sich allein Schach gespielt, während sie im Nebenzimmer übte, oder sie waren zusammen ins Theater gegangen und dann ins Café, wo an Schachbrettern bartlose, nervöse Jünglinge, vornehme Aristokraten und bebrillte, klug aussehende Männer saßen.
Das Eintreten von Papa wurde lebhaft begrüßt von den Kiebitzen. Er mußte von dem Stück erzählen, und sein Urteil galt etwas. Er ließ sich aber nie selbst zu einer Partie nieder.