Sie unterdrückte kaum noch das Lächeln und ging den Koffer holen ...
Am Abend kamen schöne dunkle Rosen mit einem kleinen Briefchen: „Mein liebes Kind! Laß es Dir recht gut gehn. Ich muß leider wieder verreisen — aber Pauline hat ja meine Instruktionen. Empfehlung an Deine Frau Schwägerin. Dein Dich zärtlich liebender Papa.“
Karla lächelte und seufzte auf. Jetzt kannte sie den Papa ... so gut kannte sie ihn! ... Aber es war kaum Raum in ihrem Herzen für Traurigkeit. Sie wünschte, die stillen Tage in dem weichen Bett, mit den gütig dreinschauenden Frauen, mit dem weichen Geflüster, dem sanften, traumhaften Dahindämmern könnten sich noch lange, lange hinziehen. So stark war die Liebe in ihr zu dem kleinen Wesen an ihrer Seite, daß diese Liebe auf jeden Menschen überströmte, der sich in diesen Tagen ihrem Lager näherte. Sie liebte Pauline, die ihr so warmherzig und mütterlich beigestanden, sie liebte Adele, die mit so geübten Händen ihr kleines Mädchen aufhob, herumtrug und anzog, sie liebte Luise, die ihr Obst brachte und deren strenge Augen milde wurden, wenn sie das Kind betrachteten, sie liebte Alwin Maurer, der eines Tages, ein bißchen verlegen, in der Tür erschien und nicht recht wußte, ob Adele ihm den Eintritt gestatten würde. Aber von weitem schwenkte er ein paar Blumen und warf sie Karla aufs Bett.
„Fang!“
Wie gut sie alle waren!
Karla war noch so schwach, daß sie manchmal vor Rührung eine Träne zerdrückte. Und aus solch einer Stimmung heraus schrieb sie Altmann ihren ersten Brief, mit Bleistift und kaum recht leserlich. Aber er schloß mit den Worten „... nein — nie ... nie vergesse ich, wie lieb Adele, Luise und auch Alwin zu mir sind. Du hast mir manchmal vorgeworfen, daß ich kein Verständnis hätte für Familie. Jetzt habe ich es. Und es ist wundervoll, Familie zu haben. So viele Menschen um sich zu besitzen, die das Wesen, das man am tiefsten liebt, mit liebenden Augen betrachten. Meine Freuden sind ihre Freuden, meine Angst die ihre. Warum konnte Deine Mutter das nicht auch miterleben? Und die meine? Sie beide wären Freundinnen geworden in diesem Augenblick, auch wenn sie sich vorher nicht verstanden hätten. Es ist gut, mein geliebter Ernst, daß Du in diesen Tagen nicht hier warst — ich glaube, Du wärest eifersüchtig geworden auf unser liebes kleines Mädel. Denn Du hättest wohl kaum begreifen können, daß eine Mutter so närrisch verliebt und so ausschließlich vertieft ist in ihr Kind wie ich. Weißt Du noch, liebster Ernst, wie ich mit dem Kätzchen spielte und Du so böse wurdest? Damals schon war ich Mutter, ohne es zu wissen — und weil ich es wohl nicht abwarten konnte, daß ich mein Kind im Arme hielt, nahm ich das kleine Tierchen an mich. Warum warst Du so böse und hast sein Körbchen so weit weggestoßen? Ich werde traurig, wenn ich daran denke. Unser Kindchen wirst Du doch lieben? Das mußt Du mir versprechen. Wie danke ich Dir, daß Du es mir gegeben! Wie liebe ich Dich! Nie werde ich aufhören, Dich zu lieben! Deine Karla.“
Altmann erhielt den Brief nach der Vorstellung. Er war müde und ohne Spannkraft. Denn er hatte in diesen sechs Wochen zehn neue Rollen lernen müssen und war das überhetzte Sommertempo kleiner Provinzbühnen nicht mehr gewöhnt.
Nachdem er sein bescheidenes Abendbrot bestellt hatte, öffnete er den Brief. Er fand sich aus der Bedrücktheit seines persönlichen Lebens nicht gleich in die tönenden Schwingungen von Karlas Seelenleben hinein. Sie waren ihm auch neu an ihr. Und so berührte ihn der in einer ekstatischen Stimmung geschriebene Brief eher frostig und abkühlend. Als wäre es nicht Karla, die ihm schrieb, sondern ein romanhaftes fremdes Wesen. Das kam wohl von der Trennung. Jedenfalls waren solche Exaltationen gefährlich und ließen sich nicht mit dem Weg vereinen, den er ihr vorzeichnete.
Ohne Einschränkung freute ihn nur die Anerkennung „seiner Leute“. Die Erinnerung an die Episode mit der Katze weckte eine peinliche Empfindung in ihm. Jedenfalls war Karla ein bißchen überspannt, und es war gut, sie daran zu erinnern, daß es für sie außer und vielleicht sogar vor dem Kinde — noch einen Beruf gab. Als er sich aber Tinte und Feder reichen ließ und in diesem Sinne schreiben wollte ... da fielen ihm die richtigen Worte nicht ein. Es klang wohl auch brieflich alles so hart und lieblos ... Ihm lag jetzt ja doch nur eine Frage am Herzen: War ihr die Stimme wiedergekommen? Ehe er das nicht wußte — wußte er auch nicht, wie er ihr schreiben sollte ... Durfte er sie in ihrem Muttertraum weiter wiegen, oder ...
Es war wirklich alles sehr schwer, und er war zum ersten Male befangen. Ganz rasch schrieb er darum nur: