Ein über alle Massen widerliches, trockenes Lachen tönte aus der Ecke. Es war ein Heiterkeitsausbruch des Skeletts.
„Grossmäuler Ihr,“ rief die Alte, „Ihr müsst sie ja doch hergeben, wenn die Dame Schicksal kommt und es verlangt. Hi . . . hi . . . Gut, dass die Euch ein wenig überwacht, sonst würdet Ihr die ganze Welt auf den Kopf stellen. Hi . . . hi . . .“
Der Schmuggler, der vorher gesprochen hatte, fasste schweigend die Alte an einem Strick, den sie stets um den linken Knöchel trug und hängte sie damit, den Kopf nach unten, an einen Nagel, der hoch aus der Felswand ragte. Sie wimmerte ein wenig, schien aber an diese wohlverdiente Züchtigungsart gewohnt. Die 500 Frauen, zu denen die Pforte noch offen stand, jauchzten, die zunächst liegende sagte mit etwas fremdländischem Akzent, sie würde sich so etwas nicht bieten lassen. Mit ihr hätte es aber wohl kaum einer versucht. Sie hatte königliche Formen.
Meine üble Meinung von diesen Leuten bestätigte sich immer mehr. Sie schienen Kenner der Echtheit zu sein, in deren Besitz sie sich zu setzen wussten, um sie zu entwürdigen. Natürlich machten sie glänzende Geschäfte, wenn sie die grosse Revolution in zahllose Barrikadenkämpfe verzettelten, die sie einzeln feilboten. Ich konnte mir vorstellen, wie viel besonnene Gedanken und ehrwürdige Empfindungen sie sich für solche Nichtigkeiten bezahlen liessen, und es dämmerte mir, auf welchen unlauteren Kniffen das Geschäft dieser Menschen beruhte. Ein unheimlicher Gedanke stieg in mir auf: wenn sie noch eine Zeitlang so weiter wirtschafteten, würden sie schliesslich alles Wertvolle aus der Welt herausgezogen und ihre Scheinwerte und Verdünnungen hineingeschmuggelt haben. Mir graute vor der Feigheit, Heuchelei, Unwahrheit, Bedrückung, die dann zur Herrschaft kämen, während die Freiheit, die Schönheit, die Erkenntnis in Felsenkammern als Kuriositäten moderten oder alchimistisch entstellt würden. Es war nur gut, dass sie wenigstens vor dem Schicksal Angst hatten, vielleicht weil es das einzige auf der Welt ist, womit man nicht Handel treiben kann.
Man muss mir etwas Einschläferndes in das Getränk gegossen haben, denn nur mit Mühe bemerkte ich noch, wie das Skelett wieder abgehängt wurde, einen überkochenden Kessel aus einem Stollen holen und in die Mitte rücken musste und unter Höllenlärm der ganzen Schmugglerbande darin herumquirlte; man warf mir unerkennbare Gegenstände hinein, Flaschen wurden darüber ausgegossen; wenn der Kessel zu voll war, stellte man ihn einfach schräg, bis ein Teil der Flüssigkeit überlief, die sich wie kriechendes Gewürm lautlos und dick in die Stollen verteilte. Dann wurde weiter gepantscht. Zuletzt klebte die Alte auf einer Etikette das Datum des folgenden Tages an den Kessel, den mehrere Schmuggler verschlossen. Man schob ihn bis vor eine eiserne Tür. Durch den geöffneten Flügel sah ich nichts als den gestirnten Himmel. Ich merkte, dass wir uns sehr hoch befinden mussten. Der Kessel wurde bis auf die Schwelle geschoben, das Skelett gab ihm einen Tritt und nun rollte er auf einer Art Rutschbahn ins Tal. Die ganze Schmugglerbande heulte ihm die gröbsten Ausdrücke nach, spie hinunter und verunreinigte überhaupt die Rutschbahn aufs unflätigste.
„Er ist geplatzt,“ rief einer entzückt, und ich stellte mir lebhaft vor, wie dieses elende Gebräu die Welt am folgenden Morgen überschwemmen würde. Offenbar gab es jeden Tag solch eine Portion.
Nun schien der Zweck erreicht zu sein, man schloss die Tür. Ich aber tat als ob ich schlief, denn ich verhehlte mir nicht, dass ich in einen ungewöhnlichen Kreis geraten war, dessen Tun und Treiben ich weiter beobachten wollte. Bald aber geriet ich, wie sehr ich auch dagegen kämpfte, in Halbschlummer. Ich träumte lebhaft, doch ich wusste, dass es Träume waren.
Zuerst sah ich Manolitha, göttlich schön, wie sie in meiner Phantasie lebte, mit ihrer Krone goldener Haare und den Sternen im Antlitz. Ich wusste, dass es ein Traumbild war, aber ich freute mich daran; doch da kam einer der Schmuggler, suchte mit den Händen etwas über dem Haupte Manolithas, rollte behutsam das ganze Bild zusammen und reichte es der Alten, die es in einen der Stollen trug. An Stelle des Bildes sah ich eine merkwürdige Haustür mit grünen Jalousien. Darüber hing eine transparent erleuchtete Hausnummer in der Grösse einer Fensterscheibe. Daneben stand zwischen zwei ordinären Amoretten auf einem Schild:
Nachtschelle für
Mlle Rose, Modes.
Ich war so keck, auf die Klingel zu drücken; da sah ich hinter den Jalousien zwei spähende Augen. Ein Spalt der Tür wurde geöffnet und ein recht anständig gekleidetes Mädchen mit etwas pockennarbigem Gesicht flüsterte: