Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben, denn ich konnte mir nicht denken, dass diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien ihre musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes Wesen, wie ich war, befriedigen würden.

Eines Morgens unterbrach ein ausserordentliches Ereignis diesen Winter. Ich erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift war offenbar verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der Züge, phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete:

„Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch in H., was übrigens nicht viel heissen will. Seit voriger Woche bin ich von einer Reise zurück und beobachte überall, dass sich die Einbildungskraft dieser Stadt fast ausschliesslich mit Ihnen befasst. Ich habe Sie nicht gesehen, aber man sagt mir, dass Sie totenhaft hässlich sind. Ich möchte Sie kennen lernen. Da mich das Äussere eines Menschen — besonders der nicht angelsächsischen Rassen — sehr leicht abschreckt, möchte ich mich mit Ihnen unterhalten ohne Sie zu sehen; wie, das lassen Sie meine Sorge sein. Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert scheint, die Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts anderes verrät, als dass sie eine Dame ist.“ „Es scheint mir der Mühe wert,“ schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle im James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte.

„Ich halte Sie für klug genug,“ so endete der Brief, „den Reiz dieses Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie die Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine missglückte Unterhaltung zu bedauern.“

Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: „Montag nachmittag sechs Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé, das Ihnen der Kutscher auf die Parole ‚Miramare‘ öffnen wird.“

In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit des frühen Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher starrte, einer ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin. Auf den Ruf „Miramare“ sah ich ihn eine kurze automatische Handbewegung machen. Der Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete Innere war in Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten Verbenengeruch aus. Sofort schloss sich hinter mir die Tür und der Wagen setzte sich in Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte auf den Weg achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte ich, dass statt der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge eingelassen waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben. Ich war also ein Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf den Knopf zu drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an der Decke verband mich mit der Aussenwelt. Die fast lautlose Bewegung der Gummiräder machte mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über Pflaster fuhr oder ob wir die Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt dauerte erheblich länger als eine einfache Strecke in der kleinen Stadt; doch der Kutscher konnte ja den Auftrag haben, durch Umwege meine Vermutungen irre zu leiten. Mein Aufenthalt in der duftenden Helle dieses rollenden Boudoirs war indessen durchaus erträglich. Ich versuchte die Zigaretten, deren auserlesene Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der Wagen an. Während ich draussen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische Birne. Der Schlag öffnete sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück Nachthimmel und ein anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig wie ein fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die so dicht verschleiert war, dass ich weder Alter noch Statur erkennen konnte. Sofort schloss sich der Schlag hinter ihr, der Wagen fuhr weiter. Das Wesen hatte sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloss, sie zuerst reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen, als das Knistern und der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere ziemlich tiefe Frauenstimme:

„Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.“

Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer, wie mir schien, in ihrem Kleid.

„Geben Sie mir Ihren Revolver!“ sagte sie darauf kurz und bestimmt.