„Er langweilt mich entsetzlich, fast ebenso sehr, wie er sie langweilt. Sie ist sehr verständig, zu verständig für eine Frau. Es fehlt ihr der unbeschreibliche Reiz der Schwäche. Die tönernen Füße sind's, die erst das Gold der Bildsäule wertvoll machen. Ihre Füße sind ganz allerliebst, aber es sind keine Tonfüße. Weiße Porzellanfüße, wenn du willst. Sie sind schon im Feuer gewesen, und was das Feuer nicht zerstört, macht es hart. Sie hat ihre Erfahrungen.“
„Wie lange ist sie verheiratet?“ fragte Dorian.
„Sie sagt, eine Ewigkeit. Nach dem Adelskalender, glaube ich, sind es wohl zehn Jahre, aber zehn Jahre mit Monmouth müssen wie eine Ewigkeit gewesen sein, wenn man die Zeit mitrechnet. Wer kommt sonst noch?“
„Oh, die Willoughbys, Lord Rugby und seine Frau, unsere Wirtin, Geoffrey Clouston, die gewöhnliche Aufmachung. Ich habe auch Lord Grotrian gebeten.“
„Den habe ich recht gern“, sagte Lord Henry. „Viele Leute können ihn nicht leiden, aber ich finde ihn reizend. Dafür, daß seine Kleidung manchmal übertrieben elegant ist, entschädigt er dadurch, daß er immer übertrieben gebildet ist. Es ist ein ganz moderner Typus.“
„Ich weiß nicht, ob er kommen kann, Harry. Es ist möglich, daß er mit seinem Vater nach Monte Carlo muß.“
„Ach, was für ein Kreuz die Familiensimpelei ist! Versuch doch, daß er kommt. Übrigens, Dorian, du bist gestern abend sehr früh weggelaufen. Du hast uns vor elf Uhr sitzen lassen. Was hast du denn noch vorgehabt? Bist du gleich nach Hause gegangen?“
Dorian blickte ihn rasch an und runzelte die Stirn. „Nein, Harry,“ sagte er endlich, „es war schon fast drei, als ich nach Hause kam.“
„Warst du noch im Klub?“
„Ja“, antwortete er. Dann biß er sich auf die Lippen. „Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich war nicht im Klub. Ich ging nur so herum. Ich weiß nicht mehr, was ich getan habe... Wie du einen ins Verhör nimmst, Harry! Du willst immer wissen, was man getan hat. Ich will immer vergessen, was ich getan habe. Wenn du aber die genaue Zeit wissen willst, ich bin um halb drei nach Hause gekommen. Ich hatte meinen Hausschlüssel vergessen, und mein Diener mußte mich einlassen. Wenn du vielleicht noch eine Zeugenaussage über mein Alibi wünschst, kannst du ihn ja fragen.“