„Du wirst mir doch schreiben, wenn du was brauchst?“ fragte Dorian nach einer Weile.

„Vielleicht.“

„Dann gute Nacht!“

„Gute Nacht!“ antwortete der junge Mann, schritt die Stufen hinauf und wischte sich den trockenen Mund mit dem Taschentuch ab.

Dorian schritt mit einem qualvollen Zug im Gesicht zur Tür. Als er den Vorhang beiseitezog, scholl ein gräßliches Lachen von den geschminkten Lippen des Weibes, das sein Geld genommen hatte. „Da geht er hin, der Seelenverschacherer!“ stieß sie mit einer heiser glucksenden Stimme hervor.

„Der Satan hol' dich!“ antwortete er, „du sollst mich nicht so nennen!“

Sie schnippte mit den Fingern. „Was, du willst wohl Prinz Märchenschön genannt werden, das paßte dir, he?“ kreischte sie hinter ihm her.

Bei diesen Worten sprang der schläfrige Matrose auf und blickte sich wild um. Das Geräusch der zufallenden Haustür drang an sein Ohr. Er stürzte hinaus, als ob er ihn verfolgen wollte.

Dorian Gray eilte rasch durch den herabstäubenden Regen den Kai entlang. Sein Zusammentreffen mit Adrian Singleton hatte ihn sonderbar bewegt, und er grübelte darüber nach, ob der Untergang dieses jungen Lebens wirklich sein Werk war, wie ihm Basil Hallward mit so schändlicher Beschimpfung schuldgegeben hatte. Er biß sich auf die Lippen, und für ein paar Augenblicke wurde sein Auge traurig. Aber schließlich, was ging es ihn an? Das bißchen Leben war zu kurz, als daß man die Sünden anderer auf seine Schultern laden könnte. Jeder lebte sein eigenes Leben und zahlte seinen eigenen Preis dafür. Das einzige Unglück war, daß man für ein einziges Vergehen so oftmals zahlen mußte. Man mußte immer und immer wieder zahlen. In seinem Handel mit dem Menschen glich das Schicksal sein Schuldbuch nie aus.