„Mein lieber Dorian,“ antwortete Lord Henry, „es war ein Ohnmachtsanfall. Weiter nichts. Du mußt dich wohl übermüdet haben. Komm lieber nicht zum Diner hinunter. Ich werde dich vertreten.“
„Nein, ich will herunterkommen“, sagte er und mühte sich, auf den Füßen zu stehen. „Ich komme lieber herunter! Ich darf nicht allein sein.“
Er ging in sein Zimmer und zog sich um. Als er bei Tisch saß, war in seinem Gehaben eine wilde, übermütige Lustigkeit, aber hin und wieder überlief ihn ein Angstschauer, wenn er sich erinnerte, daß er, gegen die Fensterscheiben des Gewächshauses gepreßt, das lauernde Gesicht James Vanes wie ein weißes Tuch erblickt hatte.
Achtzehntes Kapitel
Am nächsten Tage verließ er das Haus nicht und verbrachte den größten Teil der Zeit in seinem Zimmer, durchrüttelt von einer wilden Todesfurcht und dem Leben gegenüber doch gleichgültig. Das Bewußtsein, gejagt, umzingelt, aufgestöbert zu werden, fing an, ihn gänzlich zu beherrschen. Wenn nur die Vorhänge im Winde rauschten, schrak er zusammen. Die toten Blätter, die gegen die verbleiten Scheiben gefegt wurden, schienen ihm seine eigenen vergeudeten Vorsätze und ungestümen Gewissensbisse zu sein. Wenn er die Augen schloß, sah er wieder das Gesicht des Matrosen vor sich, wie es durch das feuchtbeschlagene Glas stierte, und das Entsetzen schien ihm noch einmal seine Hand aufs Herz zu legen.
Aber vielleicht war es nur seine Phantasie gewesen, die die Rache aus der Nacht heraufbeschworen und ihm die gräßliche Gestalt der Strafe vorgetäuscht hatte. Das wirkliche Leben war ein Chaos, aber es war eine furchtbare Logik in der Phantasie. Die Phantasie hetzte die Gewissensbisse hinter den flüchtigen Sohlen der Sünde her. Die Phantasie ließ jedes Verbrechen seine mißgestaltete Brut in sich tragen. In der gewöhnlichen Welt der Tatsachen wurden die Schlechten so wenig bestraft wie die Guten belohnt. Der Erfolg gehörte den Starken, Unglück machte die Schwachen unterliegen. Das war alles. Zudem, wenn ein Fremder um das Haus herumgestrolcht wäre, so hätten ihn die Diener oder Wächter entdeckt. Wären irgendwelche Fußtapfen in den Beeten bemerkt worden, so hätten es die Gärtner gemeldet. Ja: es war alles bloße Einbildung. Sybil Vanes Bruder war nicht zurückgekommen, um ihn zu ermorden. Er war mit seinem Schiff abgesegelt, um in irgendeiner arktischen See zu ertrinken. Vor dem war er also sicher. Der Mann wußte gar nicht, wer er war und konnte es nicht wissen. Die Maske der Jugend hatte ihn gerettet.
Und doch, wenn es eine bloße Ausgeburt der Einbildung gewesen war, wie schrecklich war doch der Gedanke, daß das Gewissen so fürchterliche Hirngespinste entstehen lassen und ihnen sichtbare Form und Bewegung geben konnte! Was für eine Art Leben würde er führen, wenn Tag und Nacht die Schatten seines Verbrechens aus düsteren Winkeln nach ihm spähten, ihn von geheimen Stellen aus neckten, ihm ins Ohr flüsterten, wenn er beim Mahle saß, ihn mit eisigen Fingern weckten, wenn er schlief! Als dieser Gedanke durch sein Hirn kroch, wurde er blaß vor Schrecken, und die Luft schien ihm plötzlich kälter geworden zu sein. Oh! in was für einer wilden Wahnsinnsstunde hatte er seinen Freund umgebracht! Wie bluterstarrend war nur die Erinnerung an diese Szene! Er sah es alles wieder. Jede gräßliche Einzelheit kam mit vermehrtem Entsetzen wieder zu ihm. Aus dem schwarzen Grabverlies der Zeit stieg schrecklich und in Scharlachrot gehüllt das Bild seiner Sünde empor. Als Lord Henry um sechs Uhr eintrat, fand er ihn schluchzend, als ob ihm das Herz brechen wolle.
Erst am dritten Tage wagte er auszugehen. Es lag etwas in der klaren, tannenduftenden Luft dieses Wintermorgens, das ihm seine Fröhlichkeit und seine Lebenslust wiederzugeben schien. Aber nicht nur die physischen Bedingungen seiner Umgebung hatten diese Wandlung zuwege gebracht. Seine eigene Natur hatte sich gegen das Übermaß der Angst empört, die ihre vollendete Ruhe zu stören und zu vernichten versucht hatte. Mit feinen und subtil organisierten Temperamenten ist es immer so. Ihre heftigen Leidenschaften können nur Hammer oder Amboß sein. Entweder töten sie den Menschen oder sterben selbst. Oberflächliche Sorgen, oberflächliche Liebesempfindungen können weiter leben. Tiefe Liebesempfindungen und große Sorgen gehen durch ihre eigene Überfülle zugrunde. Überdies hatte er sich jetzt überzeugt, daß er das Opfer einer erschreckten Einbildungskraft gewesen war, und sah jetzt auf seine Ängste mit einer Art Mitleid und nicht geringer Verachtung zurück.
Nach dem Frühstück ging er mit der Herzogin ein Stündchen im Garten spazieren und fuhr dann durch den Park, um mit der Jagdgesellschaft zusammenzutreffen. Der feinperlige Reif lag wie Salz auf dem Rasen. Der Himmel sah aus wie ein umgestülpter Pokal aus blauem Metall. Ein dünner Eisgallert umsäumte den seichten, schilfbewachsenen Teich.