„Paradoxe sind ja an und für sich recht schön und gut...“, nahm der Baronet wieder das Wort.
„War das ein Paradoxon?“ fragte Herr Erskine. „Ich habe es nicht dafür gehalten. Vielleicht war es eins. Nun, der Weg zur Wahrheit scheint mit Paradoxen gepflastert zu sein. Um die Wahrheit zu erkennen, müssen wir sie auf gespanntem Seil tanzen sehen. Wenn die Wahrheiten Akrobaten werden, können wir sie beurteilen.“
„Mein großer Gott!“ sagte Lady Agatha, „was für eine Art zu diskutieren habt ihr Männer. Ich verstehe nie ein einziges Wort von eurem Gerede. Mit dir, Harry, oh! bin ich ganz böse. Warum versuchst du, unseren lieben Herrn Dorian Gray zu überreden, nicht mehr ins East-End zu gehen? Ich versichere dir, er wäre dort für uns unschätzbar; sein Spiel würde die Leute ungemein begeistern.“
„Mir ist es lieber, wenn er für mich spielt“, rief Lord Henry lächelnd, sah am Tisch hinunter, wo ihn ein fröhlich antwortender Blick traf.
„Aber sie sind in Whitechapel so unglücklich“, fuhr Lady Agatha wieder fort.
„Ich kann mit allem möglichen Mitgefühl haben,“ sagte Lord Henry, die Achseln zuckend, „außer mit Leiden. Damit kann ich keine Sympathie haben. Es ist zu häßlich, zu schrecklich, zu niederdrückend. In der heut modernen Sympathie für die Leiden liegt etwas schrecklich Krankhaftes. Man sollte mit Farben sympathisieren, mit Schönheit, mit Lebensfreude. Je weniger man über das Elend des Lebens sagt, desto besser.“
„Aber das East-End ist ein sehr wichtiges Problem“, bemerkte Sir Thomas mit ernstem Kopfschütteln.
„Sicherlich“, antwortete der junge Lord. „Es ist das Problem der Sklaverei, und wir versuchen es derart zu lösen, daß wir die Sklaven amüsieren.“
Der Politiker sah ihn mit einem forschenden Blicke an. „Welche Änderung schlagen Sie also vor?“