Sie schien nicht zu hören, was er sagte. Sie war wie verklärt vor Vergnügen. Eine Ekstase des Glücks beherrschte sie.

„Dorian, Dorian,“ rief sie, „bevor ich dich kannte, war Spielen die einzige Wirklichkeit in meinem Leben. Nur im Theater lebte ich. Ich hielt das alles für wahr. An einem Abend war ich Rosalinde und Portia am andern. Beatrices Glück war mein Glück, und Kordelias Tränen waren die meinen. Ich glaubte an alles. Dies gewöhnliche Volk, das mit mir spielte, schien mir göttlich. Die bemalten Kulissen bedeuteten für mich die Welt. Ich kannte nichts als Schatten, und ich nahm sie für Wirklichkeit. Da kamst du — o mein schöner Geliebter — und befreitest meine Seele aus der Kerkerhaft. Du hast mich gelehrt, was die wahre Wirklichkeit ist. Heute habe ich zum erstenmal die ganze Hohlheit durchschaut, den Betrug, die Albernheit des falschen, verlogenen Flittertandes, zwischen dem ich bisher gespielt habe. Heute abend wußte ich zum ersten Male, daß dieser Romeo abscheulich und alt und geschminkt ist, daß der Mond im Garten Blendwerk, die ganze Szenerie ordinär ist und daß die Worte, die ich zu sprechen hatte, nicht wahr, nicht meine Worte sind, nicht, was ich hätte sagen müssen. Du hast mir etwas Höheres geschenkt, etwas, von dem alle Kunst nur Abglanz ist. Du hast mich begreifen gelehrt, was Liebe ist. Mein Geliebter! Mein Geliebter! Prinz Märchenschön! Prinz meines Lebens! Ich kann die Schatten nicht mehr ertragen. Du bist mir mehr, als mir alle Kunst je sein kann. Was hab' ich mit den Puppen eines Spiels zu schaffen? Als ich heute abend auftrat, konnte ich nicht begreifen, wie es gekommen war, daß alles verschwunden sein sollte. Ich hatte gedacht, ich würde wundervoll sein. Ich merkte, daß ich durchaus versagte. Plötzlich dämmerte es meiner Seele, was das alles bedeutete. Es war ein herrliches Wissen. Ich hörte sie zischen und lächelte. Was konnten die wissen von einer Liebe wie die unsere? Nimm mich fort, Dorian — nimm mich mit dir irgendwohin, wo wir allein sein können. Ich hasse das Theater. Ich konnte vielleicht ein Gefühl darstellen, das ich nicht spüre, aber ich kann doch nicht eins spielen, das mich verbrennt wie Feuer. Ach, Dorian, Dorian, begreifst du jetzt, was das bedeutet? Selbst wenn ich es zustande brächte, wär' es Entweihung, zu spielen, während ich liebe. Du hast mich sehend gemacht.“

Er warf sich auf das Sofa und wandte sein Gesicht ab. „Du hast meine Liebe getötet“, murmelte er.

Sie sah ihn staunend an und lachte. Er gab keine Antwort. Sie kam hin zu ihm und strich mit ihren kleinen Fingern durch sein Haar. Sie kniete nieder und preßte seine Hände an ihre Lippen. Er schob sie weg, und ein Schauder überlief ihn.

Dann sprang er auf und schritt zur Tür. „Ja,“ rief er, „du hast meine Liebe getötet. Bisher hast du meine Phantasie gefesselt. Jetzt fesselst du nicht einmal meine Neugier. Du wirkst einfach nicht. Ich liebte dich, weil du ein Wunder warst, weil du Genie und Geist hattest, weil du die Träume großer Dichter verkörpertest und den Schatten der Kunst Gestalt und Körper verliehest. All das hast du weggeworfen. Jetzt bist du leer und seicht. Mein Gott. Was für ein Narr war ich, dich zu lieben! Wie verblendet war ich! Jetzt bist du mir nichts mehr. Ich will dich niemals wiedersehen. Nie mehr an dich denken. Nie mehr deinen Namen aussprechen. Du weißt nicht, was du mir einmal warst. Ja, einmal, einmal... Oh, ich ertrage es nicht, daran zu denken. Ich wünschte, ich hätte dich niemals gesehen. Du hast die Poesie meines Lebens vernichtet. Wie wenig mußt du von Liebe wissen, wenn du sagst, sie lähme deine Kunst! Ohne deine Kunst bist du nichts. Ich hätte dich berühmt gemacht, zu einem Sterne, zu etwas Herrlichem. Die Welt hätte dich angebetet, und du hättest meinen Namen getragen. Was bist du jetzt? Eine Schauspielerin dritten Ranges mit einem hübschen Gesichtchen.“

Das Mädchen war totenblaß geworden und zitterte. Sie preßte die Hände zusammen, und die Sprache schien ihr in der Kehle erstickt zu sein. „Du meinst es doch nicht im Ernst, Dorian?“ flüsterte sie. „Du verstellst dich nur.“

„Verstellen? Das überlaß ich dir. Du verstehst es ja so gut“, entgegnete er bitter.

Sie erhob sich von den Knien und ging mit einem wehen, qualvollen Antlitz zu ihm hin. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und sah ihm in die Augen. Er stieß sie zurück. „Berühre mich nicht!“ schrie er.

Ein leises Stöhnen brach aus ihr hervor, und sie warf sich ihm zu Füßen und lag da wie eine zertretene Blume. „Dorian, Dorian, geh nicht fort von mir!“ rief sie leise. „Ich bin so betrübt, daß ich nicht gut gespielt habe. Ich dachte nur immer an dich. Aber ich will es wieder versuchen — wirklich, ich will es versuchen. Es kam so jäh über mich, die Liebe zu dir. Ich glaube, ich hätte nie etwas von ihr gewußt, wenn du mich nicht geküßt hättest — wenn wir uns nicht geküßt hätten. Küß mich wieder, Geliebter! Geh nicht von mir! Ich könnte es nicht überleben. Oh, verlaß mich nicht! Mein Bruder... nein, nichts darüber. Er meinte es nicht im Ernst. Er scherzte nur... Aber du, oh! Kannst du mir nie den heutigen Abend verzeihen? Ich werde so fleißig sein und mir Mühe geben, besser zu werden. Sei nicht grausam gegen mich, weil ich dich mehr liebe als alles in der Welt. Es ist doch nur ein einziges Mal, wo ich dir mißfallen habe. Aber du hast ganz recht, Dorian. Ich hätte mich mehr als Künstlerin zeigen sollen. Es war närrisch von mir; und doch konnte ich nicht anders. Ach, verlaß mich nicht, verlaß mich nicht.“ Leidenschaftliches Schluchzen erschütterte sie. Sie kauerte sich nieder wie ein wundes Tier, und Dorian Gray sah mit seinen schönen Augen zu ihr herab, und seine feingeschnittenen Lippen kräuselten sich in tiefster Verachtung. Die Gefühlsregungen von Menschen, die man nicht mehr liebt, haben immer etwas Lächerliches an sich. Sibyl Vane schien ihm überspannt melodramatisch zu sein. Ihre Tränen und ihr Schluchzen langweilten ihn nur.

„Ich gehe“, sagte er schließlich mit seiner klaren, ruhigen Stimme. „Ich möchte nicht hart sein, aber ich kann dich nicht mehr sehen. Du hast mich enttäuscht.“