Es entstand ein Schweigen. Der Abend dämmerte im Zimmer. Geräuschlos auf silbernen Fußen schlichen die Schatten aus dem Garten herein. Die Farben verschwanden müde aus allen Dingen.

Nach einer Weile sah Dorian Gray auf. „Du hast mich mir selber klargemacht“, flüsterte er mit einem Seufzer der Erleichterung. „Alles, was du gesagt hast, habe ich auch gefühlt, nur hab' ich mich davor geängstigt, und ich konnte es mir selbst nicht ausdrücken. Wie gut du mich kennst! Aber wir wollen, von dem was geschehen ist, nie wieder sprechen. Es war ein wundersames Erlebnis. Das ist alles. Ich möchte wissen, ob meiner noch etwas so Wunderbares im Leben harrt.“

„Das Leben hat alles für dich vorrätig, Dorian. Es gibt nichts, was du mit deiner außerordentlichen Schönheit nicht tun könntest.“

„Aber stelle dir vor, Harry, wenn ich hager und alt und runzlich würde, was dann?“

„Ach dann,“ sagte Lord Harry und erhob sich zum Gehen — „dann, mein bester Dorian, würdest du um deine Siege kämpfen müssen. Wie es ist, werden sie dir noch entgegengetragen. Nein, du mußt schön bleiben, wie du noch bist. Wir leben in einer Zeit, in der zuviel gelesen wird, als daß sie weise wäre, und in der zuviel gedacht wird, als daß sie schön wäre. Wir können dich nicht entbehren. Und jetzt tätest du besser, dich anzuziehen und in den Klub zu fahren. Wir kommen ohnehin schon zu spät.“

„Ich meine, ich treffe dich lieber in der Oper, Harry. Ich bin zu müde, um etwas zu essen. Welche Nummer hat die Loge deiner Schwester?“

„Siebenundzwanzig, glaub' ich, sie liegt im ersten Rang. Du findest ihren Namen an der Tür. Aber es tut mir leid, daß du nicht mit essen kommst.“

„Ich bin nicht aufgelegt dazu,“ sagte Dorian zerstreut, „aber ich bin dir sehr dankbar für alles, was du zu mir gesagt hast. Du bist wirklich mein bester Freund. Niemand hat mich je richtiger verstanden als du.“

„Wir stehen erst am Anfang unserer Freundschaft, Dorian“, erwiderte Lord Harry und schüttelte ihm die Hand. „Adieu! Ich hoffe, dich vor halb zehn zu sehen. Vergiß nicht: die Patti singt.“

Als sich die Tür hinter ihm schloß, klingelte Dorian Gray, und nach ein paar Minuten erschien Viktor mit den Lampen und ließ die Vorhänge herab. Er wartete ungeduldig, daß der Diener wieder verschwände. Der Mann schien eine unglaubliche Zeit für alles zu gebrauchen.