Sobald er wieder draußen war, stürzte Dorian auf den Schirm zu und schob ihn zurück. Nein, das Bild hatte sich nicht wieder verändert. Es hatte die Nachricht von Sibyl Vanes Tod erhalten, bevor er selbst davon gewußt hatte. Es kannte die Ereignisse des Lebens, sobald sie sich ereigneten. Dieser Zug böser Grausamkeit, der die feinen Linien des Mundes verunstaltete, war zweifellos im Augenblick aufgetaucht, als das Mädchen das Gift genommen hatte. Oder kümmerte sich das Bild nicht um die Wirkungen einer Tat? Nahm es nur von Vorgängen in der Seele Kenntnis? Er hätte es gar zu gern gewußt und hoffte, eines Tages solche Wandlung vor seinen Augen geschehen zu sehen, und er schauderte, während er es hoffte.
Die arme Sibyl! Wie sonderbar romantisch alles gewesen war! Sie hatte oft den Tod auf der Bühne dargestellt. Dann hatte sie der Tod selbst gepackt und weggeholt. Wie mochte sie die grauenvolle letzte Szene gespielt haben? Hatte sie ihn im Sterben verflucht? Nein; sie war aus Liebe zu ihm gestorben, und die Liebe sollte ihm von jetzt ab immer ein Heiligtum bleiben. Sie hatte alles gebüßt durch das Opfer ihres Lebens. Er wollte nicht mehr daran denken, was er ihretwegen an jenem schrecklichen Theaterabend durchgemacht hatte. Wenn er an sie dachte, sollte es sein wie an eine wundersam tragische Gestalt, die auf die Weltbühne gestellt worden war, um die höchste Verwirklichung der Liebe zu künden. Eine wundersam tragische Gestalt? Tränen traten ihm in die Augen, als er sich ihres kindlichen Aussehens, ihrer fröhlichen, phantastischen Art, ihrer scheuen, zaghaften Anmut entsann. Er verscheuchte alles hastig und blickte wieder auf das Porträt.
Er fühlte, daß nun der Zeitpunkt gekommen sei, zu wählen. Oder war die Wahl schon getroffen? Ja, das Leben hatte für ihn entschieden — das Leben und seine unermeßliche Neugier auf das Leben. Ewige Jugend, unerschöpfliche Leidenschaft, ausgesuchte, geheimnisvolle Genüsse, wilde Freuden und noch wildere Sünden — all das sollte er haben. Das Bildnis sollte die Last seiner Schmach tragen: das war alles.
Ein peinliches Gefühl beschlich ihn, als er an die Entweihung dachte, die dieses schönen Gesichtes auf der Leinwand harrte. Einmal hatte er in knabenhafter Parodie des Narzissus die gemalten Lippen, die ihn jetzt so grausam anlächelten, geküßt oder doch zum Schein geküßt. Morgen für Morgen hatte er vor dem Bild gesessen und seine Schönheit angestaunt; zu Zeiten kam es ihm vor, als sei er in sein eigenes Bild verliebt. Sollte es sich nun wandeln mit jeder Laune, der er nachgab? Sollte es ein ungeheuerliches, widerliches Ding werden, das man im verhängten Winkel verschließen müsse vor dem Glanz der Sonne, der so oft das lockige Wunder seines Haares noch goldiger hatte aufleuchten lassen? Wie schade! Wie schade!
Einen Augenblick dachte er daran, zu beten, daß die entsetzliche Beziehung zwischen ihm und dem Bilde aufhören möge. Es hatte sich verwandelt, da er darum gebeten hatte; es könnte vielleicht, wenn er darum bäte, auch wieder unverändert bleiben. Und doch, wer, der eine Ahnung vom Leben hat, würde die Möglichkeit, immer jung zu bleiben, aufgeben, mochte die Möglichkeit noch so phantastisch und mit noch so verhängnisreichen Folgen verknüpft sein? Überdies, stand es wirklich in seiner Macht? War wirklich das Gebet die Ursache der Verwandlung? Konnte es für die ganze Sache nicht irgendeine merkwürdige wissenschaftliche Ursache geben? Wenn das Denken eine Wirkung auf einen lebenden Organismus ausüben konnte, konnte da nicht das Denken auch auf tote unorganische Dinge Einfluß haben? Ja, konnten nicht ohne Gedanken und bewußte Wünsche Dinge eingreifen, die ganz außerhalb unserer Person stehen, im Einklange mit unseren Launen und Leidenschaftsanfällen erzittern, konnte nicht Atom zu Atom sprechen in geheimer Neigung oder seltsamer Verwandtschaft? Aber schließlich waren die Ursachen gleichgültig. Er wollte durch Gebet nie wieder eine schreckliche Macht versuchen. Wenn das Bildnis sich wandeln wollte, so sollte es sich wandeln. Das war einmal so. Warum zu tief in ein Geheimnis eindringen?
Allerdings müßte es ein starker Genuß sein, solchen Vorgang zu beobachten. Er würde befähigt werden, seinem Geist in geheime Schlupfwinkel zu folgen. Dies Bild sollte ihm der zauberhafteste Spiegel werden. Wie es ihm seinen Körper geoffenbart hatte, so sollte es ihm nun die Seele enthüllen. Und wenn der Winter über das Gemälde hereinbrach, dann stand er immer noch da, wo der Frühling schwankt, ob er die zum Sommer führende Schwelle überschreiten soll. Wenn das Blut aus seinem Antlitz fortschliche und eine kreidebleiche Maske mit stummen Augen zurückließe, dann bewahrte er immer noch den Glanz des Säuglingsalters. Keine Blüte seiner Lieblichkeit sollte jemals welken. Kein Pulsschlag seines Lebens jemals erlahmen. Wie die Götter der Griechen würde er stark und behend und heiter bleiben. Was lag daran, was aus dem gemalten Abbild auf der Leinwand wurde? Er selbst war seiner sicher. Darauf kam alles an.
Er schob den Schirm wieder auf den alten Platz vor dem Bilde und lächelte, indem er es tat. Dann ging er in sein Schlafzimmer, wo sein Diener schon auf ihn wartete. Eine Stunde später war er in der Oper, und Lord Harry beugte sich über seinen Stuhl.
Neuntes Kapitel
Als er am nächsten Morgen beim Frühstück saß, trat Basil Hallward ins Zimmer.