„Wenn du versuchst, es anzusehen, Basil, gebe ich dir mein Ehrenwort, daß ich, solange ich lebe, nie wieder ein Wort mit dir spreche. Es ist mein völliger Ernst. Ich gebe keine Erklärung, und du wirst um keine bitten. Aber denke daran, wenn du diesen Wandschirm anrührst, dann ist alles aus zwischen uns!“
Hallward war wie vom Donner gerührt. Er sah Dorian Gray ganz verblüfft an. So hatte er ihn vorher nie gesehen. Der Jüngling war wirklich ganz bleich vor Zorn. Seine Hände waren zusammengeballt, und die Pupillen seiner Augen sahen aus wie blaue Feuerräder. Er zitterte am ganzen Leibe.
„Dorian!“
„Sprich nicht!“
„Aber was ist los? Ich sehe das Bild natürlich nicht an, wenn du es nicht willst“, sagte der Maler ziemlich kühl, drehte sich um und ging zum Fenster hinüber. „Aber es scheint mir wahrhaftig ganz verrückt, daß ich mein eigenes Werk nicht sehen soll, besonders, wo ich es im Herbst in Paris ausstellen will. Ich werde es wahrscheinlich vorher nochmals firnissen müssen, werde es also eines Tages doch gewiß sehen, also warum nicht heute?“
„Es ausstellen? Du willst es ausstellen?“ rief Dorian Gray, den ein seltsames Angstgefühl überkam. Sollte alle Welt sein Geheimnis erfahren? Sollte das Volk das Geheimnis seines Lebens begaffen? Das war unmöglich. Irgend etwas — er wußte noch nicht was — mußte sofort geschehen.
„Ja, ich denke nicht, daß du etwas dagegen haben wirst. Georges Petit will nächstens meine besten Bilder für eine Sonderausstellung in der Rue de Sèze sammeln, die in der ersten Oktoberwoche eröffnet werden soll. Das Bild wird nur einen Monat lang weg sein. Ich meine, solange könntest du es leicht entbehren. Du bist ohnehin während dieser Zeit nicht in der Stadt. Und wenn du es überhaupt hinter einem Schirm versteckt halten willst, kann dir ja nicht viel daran gelegen sein.“
Dorian Gray fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Schweißtropfen standen darauf. Er fühlte, daß er am Rande einer fürchterlichen Gefahr stehe. „Du hast mir vor einem Monat gesagt, du würdest es nie ausstellen“, rief er. „Warum hast du dich anders entschlossen? Ihr Leute, die ihr viel Aufhebens von der Konsequenz macht, habt genau soviel Launen wie andere. Der einzige Unterschied ist der, daß eure Launen wenig Sinn haben. Du kannst nicht vergessen haben, daß du mir feierlichst versichert hast, nichts in der Welt könne dich bewegen, das Bild auf eine Ausstellung zu bringen. Du sagtest zu Harry ganz dasselbe.“ Er stockte plötzlich, und ein Glanz erwachte in seinen Augen. Er erinnerte sich, daß ihm Lord Harry einmal halb ernst und halb scherzend gesagt hatte: Willst du mal eine merkwürdige Viertelstunde erleben, dann laß dir von Basil sagen, warum er dein Porträt nicht ausstellen will. Er hat mir den Grund erzählt, und es war für mich eine Offenbarung. Ja, vielleicht hatte auch Basil sein Geheimnis. Er wollte ihn fragen und auf die Probe stellen.
„Basil,“ sagte er, und trat ganz dicht zu ihm heran und sah ihm fest ins Gesicht, „jeder von uns hat ein Geheimnis. Sage mir das deine, und ich laß dich meines wissen. Was für einen Grund hattest du, die Ausstellung meines Bildes zu verweigern?“