Die fruchtbare Oase von Kitivo, welche die Stelle bezeichnet wo der Umba aus den Usambárabergen tritt, bot uns und unsern noch wenig geübten Leuten Gelegenheit zur Ruhe und Erholung. Inkey und ich benutzten den Ruhetag zu einem Ausflug in das prächtige Hochthal von Mlalo, das Dr. Meyer und ich 1888 entdeckt, und wo die Mitglieder der deutschen Mission uns begrüssten, die auf mein Anrathen sich dort niedergelassen hatten.
Um die Nordspitze Usambáras herum zogen wir nach Mnasi, wo mein alter Bekannter, der Häuptling von Mbaramu, mir Wegweiser durch die Steppe verschaffte. Da die Wasserverhältnisse günstige waren, beschlossen wir, den Umweg über Gonja zu vermeiden und direkt auf Kisuani loszugehen. Mehr aus alter Gewohnheit als weil es wirklich nöthig war, machten wir beim letzten Wasserplatz von Mnasi »Telekesa«, d. h. wir kochten gegen Mittag ab, alle Gefässe wurden gefüllt, das Kameel bekam eine Last voller Schläuche und, gegen die Eventualitäten einer wasserlosen Nacht gerüstet, brachen wir um 1 Uhr Nachmittags auf. Durch lichte, mit spärlichem Stachelgestrüpp bedeckte Steppen, aus der einzelne Felskuppen sich erhoben, führte die ziegelrothe Linie unseres Pfades. Die mächtigen Abfälle Usambáras entfernten sich immer mehr; im Westen tauchte die dunkle Mauer des Pare-Gebirges in der Abenddämmerung mit solcher Klarheit auf, dass man die weissen Rauchsäulen der Schmieden erkennen konnte. Gerade als die Sonne sich anschickte, hinter den Pare-Bergen zu verschwinden, entdeckte Mkamba einen kleinen Wassertümpel und wir lagerten, erfreut, umsonst Telekesa gemacht zu haben. Durch ähnliches Land zogen wir am nächsten Tage zum Kambaga-Fluss, der, in der Trockenzeit völlig wasserlos, nun reichlich fliessendes Wasser in seinem tief eingerissenen Bett führte. Vom Lager aus hatte man einen schönen Blick auf die unbewohnte Tusso-Kette mit ihren grünen Hängen und der steilen, felsigen Krone. Am 31. Januar erreichten wir nach einem starken Marsch um den Nordostvorsprung Süd-Pare's, Kisuani, jene fruchtbare, an Sorghum, Mais, Zuckerrohr und Hülsenfrüchten reiche Niederlassung. Dort hatte sich seit meinem letzten Besuch manches verändert, ein kleiner Militärposten war entstanden, dessen Besatzung, ein Swahíli-Gefreiter und vier Mann, uns unter der deutschen Flagge empfing.
Ich beschloss, in Kisuani einige Tage zu verweilen, um die Verproviantirung der Karawane für die Massai-Reise zu beginnen, denn dass im Massai-Land gegenwärtig absolut nichts zu bekommen ist, war mir zu Genüge bekannt und ich hatte keine Lust, meine Expedition den Fährnissen einer Hungerperiode auszusetzen. Die Kunst des Afrikareisens besteht ja zum sehr grossen Theil in der Lösung der Verpflegungsfrage, und die Geschichte der Forschung lehrt uns, dass die grössten Schwierigkeiten immer aus dieser entstanden. Ein voller Magen ist für den Afrikaner — und vielfach auch für den Europäer — gleichbedeutend mit Ausdauer, Muth und Unternehmungslust; ein leerer ist feige und gänzlich unbrauchbar. Von diesem Grundsatze ausgehend, sandte ich denn täglich Abtheilungen in's Gebirge, die reich beladen mit Mais wieder herabkamen. Eine Anzahl Ziegen, die wir aus dem Küstengebiet mitgebracht und die nicht mehr vom Fleck kamen, liess ich schlachten und das Fleisch zum Dörren aufhängen. Dies lockte zahlreiche Hyänen an, welche Nachts das Lager umheulten, einmal sogar eindrangen und einen Träger in die Ferse bissen. Dieser erholte sich erst nach Wochen von der Wunde und behielt von nun an den Namen »Komboa fissi« (der von der Hyäne Befreite).
Mein liebenswürdiger Reisegefährte Herr von Inkey, der bisher das Klima sehr gut vertragen und auch schon mit Erfolg gejagt hatte, wurde in Kisuani von starken Fiebern ergriffen und beschloss, in Eilmärschen nach dem Kilimanjaro aufzubrechen, von dessen Höhen-Klima er rasche Erholung hoffte. Vor seiner Abreise hatte er die Güte, mir seinen photographischen Kodak-Apparat zur Verfügung zu stellen der mir fernerhin gute Dienste erwies. Er brach am 5. Februar auf und ich blieb von nun an als einziger Europäer bei der Expedition. An demselben Tage begrüsste ich Herrn Dr. Peters, der auf der Reise nach der Küste in Kisuani durchkam. In seiner Begleitung befand sich ein Swahíli Mwalim, der von Kibongoto aus nach dem Manyara-See geschickt worden war. Er behauptete auch denselben erreicht zu haben und brachte allerlei Nachrichten über den See, die mir sehr unwahrscheinlich klangen und sich auch später als Lügen erwiesen. Der Mann hat den See zweifellos niemals erreicht und die von ihm mitgebrachten Salzproben irgendwo bei Ober-Aruscha, wo sich Salzefflorescenzen genug finden, aufgelesen.
Kisuani verlassend zogen wir zwischen den beiden Komplexen Mittel-Pares hindurch, auf welchen jetzt weit mehr Felder und Siedelungen wahrnehmbar sind, als zur Zeit meines früheren Besuches (1890), ein Umstand, der jedenfalls der Verminderung der Massai-Gefahr zu danken ist. Den niedrigen Sattel zwischen Mittel- und Nordpare überschreitend gelangten wir nach dem Westfuss dieses Gebirges, wo wir uns im Lagerplatz Pare ya Baussi mehrere Tage aufhielten. Derselbe liegt schön unter einigen schattigen Bäumen und gewährt einen prächtigen Ausblick auf den Kilimanjaro mit der schimmernden Schneespitze, deren Dom sich scharf vom tiefblauen Tropenhimmel abhebt. Der Zweck unseres Aufenthaltes war theils Beschaffung neuen Proviantes aus dem fruchtbaren Usangi-Gebirge, theils Auffindung eines Wegweisers für die Massai-Steppe. Der Proviant war leicht beschafft, bestand jedoch leider hauptsächlich aus Erbsen, die für solche Zwecke nicht sehr geeignet sind, da sie schon bei geringer Feuchtigkeit zu keimen anfangen, während Mais- und Sorghum-Vorräthe sich besser halten. Weniger leicht ging es mit dem Führer. Denn als solcher war nur ein erwachsener Massai, ein Elmóruo, denkbar. Da die in Folge der Viehseuche sehr ausgehungerten Massai zu jener Zeit vielfach an den Fuss von Nordpare kamen um gegen Esel Nahrungsmittel einzutauschen, so erschien uns der gewählte Platz als günstig.
Es dauerte denn auch gar nicht lange so brachten meine Askari einen Massai, einen hochgewachsenen, ernsten Mann von ca. 40 Jahren, der sich Elmóruo Ndaikai nannte. Ich fragte ihn, ob er den Weg zum Manyara kenne, was er bejahte, worauf ich ihm vorstellte, dass es unbedingt nothwendig sei, dass er uns dahin führe. Ndaikai war zwar über die Aussicht, einen solchen Spaziergang von 14 Tagen zu machen, nicht angenehm überrascht, die Zwangslage jedoch, in der er sich befand, sowie die Aussicht täglich reichlich zu essen zu bekommen, versöhnten ihn rasch mit seinem Schicksal. Ndaikai war für uns eine so kostbare und theure Person geworden, dass wir nicht umhin konnten ihn mit den stärksten Banden an uns zu fesseln. Diese bestanden aus einer Eisenkette, die wir dem Trefflichen um den Hals legten um ihn an einem Fluchtversuch zu hindern, welcher uns in der pfadlosen Steppe dem Verderben preisgeben konnte. Auch das nahm Ndaikai in Erkennung der Sachlage keineswegs übel und lachte nach genossener Mahlzeit behaglich den Askari an, der ihm mit scharf geladenem Gewehr Gesellschaft zu leisten pflegte. Ich will gleich vorausschicken, dass Ndaikai solche Sympathie für die Expedition fasste, dass er, als seine Ketten schon längst gelöst waren, als Hirt bei uns blieb, die ganze Reise mitmachte und schliesslich beim Scheiden buchstäblich Thränen vergoss.
Quer durch die ziemlich dürre, fast graslose Nyika zogen wir auf breitem Massaipfad am Baumannhügel vorbei zu der Ruvu-Furth, wo der Fluss durch eine Insel in zwei Arme getheilt und leicht durchwatbar ist und erreichten am 16. Februar die fruchtbare, bananenreiche Oase Aruscha. An diesem wichtigen Karawanenplatz befindet sich eine deutsche Station, die seit Jahren das Schicksal hat, abwechselnd errichtet und aufgelassen, dann wieder errichtet und wieder aufgelassen zu werden. Gegenwärtig war gerade das letztere der Fall und ich bezog das einsame Stationsgebäude, in dem 1890, bei meinem letzten Besuch, reges Leben herrschte. Bald kam der Häuptling Shengele mit einem Geschenk an Ziegen, wofür ich ihm ausser dem üblichen Baumwollzeug noch einige Citronenkerne gab mit der Weisung diesen nützlichen Baum in Aruscha anzupflanzen.
TAFEL III
Manyara-See und der Simangori-Berg.