Ausser meiner Karawane lagerte noch die des Swahíli Munyi Hatibu aus Tanga in Aruscha, die ebenfalls dem Massailande zustrebte und mit deren erfahrenen Leitern ich die Aussichten unserer Unternehmungen besprach. Stand doch die Expedition in Aruscha an einem Wendepunkt. Die Gegend zwischen der Küste und dem Kilimanjaro war mir von früher her genau bekannt und ist schon zum beliebten Tummelplatz für Sportsmen und Globetrotter geworden. Von nun an sollte die eigentliche Forschungsarbeit beginnen. Denn das Litemagebirge, das ich 1890 erstiegen, und das sich westlich von Aruscha erhebt, bezeichnete so ziemlich die Grenze unserer Kenntniss. Was dahinter lag war auf hunderte von Meilen unbekannt, unerforscht — ein weisser Fleck auf der Karte.
Lagerscene.
[[←]] II. KAPITEL.
Durch Massai-Land zum Victoria-Nyansa.
Die östliche Massai-Steppe. — Umbugwe. — Der Manyara-See. — Das Mutyek-Plateau. — Ngorongoro. — Der Eyassi-See. — Serengeti. — Ikoma. — Katoto.
Die Erkundigungen, welche ich bei vielgereisten Karawanenführern eingezogen, hatten mir die Ueberzeugung verschafft, dass ich, in Luftlinie von Aruscha zum Victoria-Nyansa haltend, mindestens 40 Tagereisen ohne Nahrung zurückzulegen habe. Dieser Umstand erschien mir stets als die grösste Schwierigkeit meiner Aufgabe. Während von anderer Seite die Massai-Gefahr als nahezu unüberwindliches Hinderniss für diese Route angesehen wurde, hielt ich diese für vollkommen unerheblich. Denn Swahíli-Karawanen und in neuerer Zeit auch Europäer durchziehen besonders in der englischen Interessen-Sphäre Jahr aus Jahr ein das Massai-Land, ohne dass die Massai — die eben nur Viehräuber sind — ihnen irgend welche ernste Schwierigkeiten bereiten. Dass sie selbst im schlimmsten Fall nichts weniger als unüberwindliche Gegner sind, ist auch schon oft bewiesen, und gerade jetzt, wo die Viehseuche sie dem Hungertode nahe brachte, erschienen mir alle Befürchtungen als einfach lächerlich. Die Karawane für 40 Tage zu verproviantiren, war jedoch nahezu unmöglich, und ich beschloss, einen Umweg nicht zu scheuen, um unterwegs einen bewohnten und Proviant liefernden Platz anzulaufen. Deren gab es nur zwei, im Norden Ober-Aruscha, im Süden Umbugwe. Ober-Aruscha war und ist Europäern stets feindlich gesinnt, ich konnte fast sicher darauf rechnen, dort angegriffen zu werden, wobei noch die Möglichkeit der Proviantbeschaffung zweifelhaft wurde. Von Umbugwe war nur bekannt, dass dort eine Swahíli-Karawane einmal niedergemacht worden und das Land seither sorgfältig gemieden wird. Auf beiden Routen sah ich mich also der Wahrscheinlichkeit eines Kampfes gegenüber, ich zögerte nicht, jene zu wählen, welche geographisch interessanter war: die über Umbugwe.
Nachdem ich derart über den einzuschlagenden Weg mir klar geworden, setzte ich am 17. Februar über den Ronga und brach am nächsten Tage in südwestlicher Richtung auf. Durch leicht ansteigendes Land mit Baobabs und hohen Schirmakazien zogen wir, zahlreiche tief einschneidende Wasserrisse überschreitend, längs der Ausläufer der Litemaberge nach Njoronyór (Sickerwasser), einer dem Berghang entströmenden Quelle, an welcher hohe Tamarinden und Baumeuphorbien gedeihen. Früher war dies eine beliebte Viehtränke der Massai, jetzt war kein Mensch zu sehen, nur ein abgemagertes, halb blödsinniges Massai-Weib wankte mit stierem Blick durch das Lager, die Ueberreste der Trägermahlzeiten sammelnd. Es war dies die erste jener schrecklichen Hungergestalten, die wir nun täglich im Massailande sehen sollten, und die, vom Honig der Waldbienen und von wilden Früchten lebend, einem sichern Tode entgegen gehen.
Am Morgen des 19. Februar erstiegen wir leicht die Höhe der Litema-Ausläufer, die sich jenseits sanft zur weiten Massai-Steppe abdachten. Ein offenes Grasland mit spärlichen Stachelbüschen öffnete sich unsern Blicken, aus dem in der Ferne, gleich Inseln, die felsigen Kuppen einzelner Berge auftauchten. Jede Spur eines Weges endete, und durch die charakteristischen Hügel als Landmarken geleitet, verfolgte unser kundiger Wegweiser Ndaikai durch dick und dünn seinen Pfad. Doch gab es wenig Hindernisse, nur ein kleines Kriechgewächs (Mbigiri) verursachte durch seine scharfen Kapselfrüchte den Leuten Schwierigkeit. Wir begegneten einem wandernden Trupp Massai, Krieger, Elmóruo und Weiber, alle ausgehungert und elend, mit Eseln, auf welchen Töpfe und allerlei Hauskram aufgethürmt war, mit einigen Ziegen und Schafen.
Abends erreichten wir nach mühsamem Marsche den Benne-Berg, dessen felsigen Klüften ein Rinnsal entströmt, in dem die Massai Tränketümpel abgedämmt haben. Dort fanden wir zwei Massaikinder, die, von ihrem Stamm verlassen, dem Hungertode nahe waren. Das eine von ihnen, ein Knabe, hatte merkwürdigerweise blaue Augen und blondes Haar, was sich zu seinem braunen Gesicht ganz sonderbar ausnahm. Gelabt schlossen sich beide der Karawane an und blieben von da ab unsere Kostgänger.