Zwischen Benne-Berg und Sogonoi dehnt sich eine fruchtbarere Mulde mit saftigerem Gras und reichem Baumwuchs aus, nach deren Durchschreitung wir wieder in die Steppe gelangten. Schon Vormittags trafen wir auf den Felsblock El Muti, in welchem sich ständige Wassertümpel finden, und lagerten unter einem hohen Baobab mit prächtigem Blick auf die felsigen Hänge des Sogonoi-Berges. Der 21. Februar brachte uns durch dornige, fast graslose Nyika zum Donyo-Lukutu, einem felsigen Bergkegel, an dessen Fuss ein kleines Gewässer klare, ständige Tümpel bildet. Wir fanden bei diesen einige Massai-Krieger mit ihren Nditos (junge Mädchen), welche sich Laubhütten erbaut und Ziegen geschlachtet hatten. Sie kamen von einem benachbarten Kraal und sahen ziemlich wohlgenährt aus. Einer der jungen Leute erklärte, sich uns anschliessen zu wollen, da er kein Massai, sondern ein geraubter Mnyamwesi sei, und keine Lust mehr habe, den Massai zu spielen. Da er auch im Typus von seinen Gefährten abwich, und diese die Richtigkeit seiner Angaben anerkannten, wurde er wirklich in die Karawane aufgenommen. Die Träger rasirten seine Frisur ab, wuschen ihn und gaben ihm einen Lendenschurz. Obwohl er fast gar kein Kinyamwesi mehr, sondern nur Massai sprach, lernte er doch unglaublich rasch Kiswahíli und wurde uns als »Mabruki Massai« noch recht nützlich.

Abends erstieg ich eine Felskuppe unweit des Berges, von der man einen weiten Ausblick auf die Steppe genoss, mit ihrem unendlichen Gefolge von dunklen Schirmakazien und lichten Grasflecken mit den scharfen Profilen der Kuppen, die daraus hervorragen, mit dem schneegekrönten Kilimanjaro und der dunklen Pyramide des Meruberges als grossartigen Hintergrund.

Bei der bisherigen Wanderung durch die Steppe war mir besonders der fast völlige Mangel an Wild aufgefallen. Im Jahre 1890 sah ich am Pangani und in der Umgebung von Aruscha ungeheure Heerden, allerdings in der trockenen Zeit, wo die Thiere sich in der Nähe der Wasserläufe aufhalten. Trotzdem zeigt die starke Abnahme hier die furchtbare Wirkung der Viehseuche, welche nicht nur Rinder, sondern auch Büffel, Gnus und Antilopen befiel und von allen Thieren nur Nashorn und Elephanten verschonte. Westwärts von Donyo Lukutu sah ich zum ersten Mal grössere Wildmengen, Antilopen und Zebras, auch eine Heerde Giraffen tauchte auf. Dort gab es noch Vertreter des Jägervolkes der Wandorobo, die sich meist scheu verbergen und nur selten mit Bogen und vergifteten Pfeilen aus dem Busch treten.

Das Land ist hier leicht gewellt, zwischen den grösseren Schwellungen liegen Mulden, die in der herrschenden Regenzeit Lachen oder dicken schwarzen Koth enthielten der besonders den Eseln das Durchkommen erschwerte. Täglich fielen von Mittag ab schwere Regengüsse herab, auch merkte man, dass wir unmerklich höhere Plateautheile erstiegen, denn es wurde oft empfindlich kalt. Vor uns tauchte die breite Bergmasse des Donyo Kissale auf; je mehr wir uns demselben näherten, desto welliger wurde das Land, das zahlreiche tiefe Wasserrisse durchzogen. Die Vegetation wurde reicher, an den Kuppen sah man saftigeres Gras und einzelne Laubbäume.

Am 26. Februar lagerten wir bei einem Bach am Donyo Kissale. Auch dort befanden sich ehemals zahlreiche Massai-Kraale, deren Spuren noch sichtbar waren. Wir sahen anfangs keinen Menschen, und erst Nachmittags fanden die herumstreifenden Träger einen sterbenden Elmoran, der verzweifelt mit den Händen nach Waldhonig wühlte. Er wurde gelabt und konnte erzählen, dass er sich auf einem — Raubzug befand, doch seien seine Gefährten schon sämmtlich verhungert. Natürlich blieb auch dieser Massai Gast der Karawane und hat die ganze Reise mitgemacht.

Westlich vom Donyo Kissale dehnt sich eine gänzlich pfadlose, durch Dorngestrüpp und sumpfige Wiesen schwer passirbare Wildniss aus. Wild gab es hier massenhaft und nicht selten hörte man beim Vortrab Schüsse: ein Nashorn hatte sich in blinder Wuth auf die Karawane gestürzt. Eine dieser Bestien konnte ich durch einen Blattschuss aus dem österreichischen Repetir-Karabiner erlegen.

Der Wassermangel, den wir gefürchtet, trat allerdings nirgends ein, im Gegentheil, wir wateten fast fortwährend im Sumpf, doch hatten wir nur schlechtes, fauliges Wasser zum Trinken, so dass die Fälle von Ruhr sich mehrten und ein Mann derselben erlag. Der erste Todesfall in der Karawane macht stets tiefen Eindruck, der ganze Ernst des Unternehmens tritt den Leuten klar vor die Augen, wenn mitten in der Wildniss der erste Todte in sein einsames Grab gesenkt wird.

Ich selbst, der ich es anfangs unterlassen hatte mein Trinkwasser abzukochen, hatte einen Ruhranfall, der sofort nachliess, als ich gekochtes Wasser trank. Ich führte es von da ab strenge durch, mir stets Trinkwasser für mehrere Tage im Voraus abkochen zu lassen und in einem filzumzogenen Fass mitzuführen.

Am 1. März lichtete sich der Busch, die Sümpfe endeten und wir betraten ein offenes Parkland. Spärlich begraste Wiesen bedeckten einen sandigen Boden: an den trockenen Wasserrinnen standen ungeheure Baobabs, umgeben von Akazien. Stellenweise erhob sich eine schlanke Borassus-Palme; im Westen tauchte ein dunkler Bergwall auf, in dem ich den Abfall der zweiten Plateaustufe, den Westrand des ostafrikanischen Grabens vermuthete.

Als wir in einem schönen Hain gelagert waren, machte uns Ndaikai die Mittheilung, dass wir morgen »Ol Mangati Ltoroto«, das Kriegsland Umbugwe, erreichen würden. Mzimba hielt eine Rede an die Träger, in der er sie zu Vorsicht und friedlicher Haltung ermahnte, vertheilte dann Munition und am nächsten Morgen zogen wir dem »Kriegslande« zu. Ndaikai hatte richtig wahrgesagt, nach wenigen Stunden erreichten wir einen Fusspfad — den ersten seit Aruscha — und begegneten bald darauf einem Weibe, das entsetzt ein Bündel Feuerholz wegwarf und spornstreichs in den Busch lief. Wir durchzogen hierauf einen Gürtel von Sorghum-Feldern und betraten bald darauf das Dorfgebiet von Umbugwe.