Vor unseren Blicken dehnte sich eine weite tischflache Ebene aus, auf welcher die viereckigen, kaum meterhohen Lehmbauten (Tembe, siehe Kopfleiste des Kapitels) der Eingeborenen, gleich Schachteln, verstreut waren. Dazwischen weideten grosse Heerden von Rindern, Eseln und Kleinvieh und den Hintergrund bildete der Steilabfall des Plateaus. Die Nachricht vom Anlangen einer Karawane hatte sich schon im Lande verbreitet; schlanke, wohlgebaute Krieger, mit Schild und zwei Wurfspeeren, kamen von allen Seiten an, und bald waren wir von einer dichten Menschenmenge begleitet. Kurz vor Betreten des Tembe-Gebietes wurden wir aufgehalten, da die Krieger, wie es hiess, erst den Geistern opfern wollten. Dazu brauchten sie vor allem Glasperlen, die wir ihnen des lieben Friedens halber gaben, dann schlachteten sie ein Schaf und bespritzten uns mit dem Mageninhalt, damit das Erscheinen des ersten Weissen dem Lande Glück bringe. Obwohl sie noch nie einen Europäer gesehen, schenkten sie mir doch keine besondere Aufmerksamkeit, hauptsächlich deshalb, weil mir ein allzugrosser Konkurrent für ihre Schaulust zur Seite stand: das Kameel, das unter Mohammeds Führung gravitätisch hinter der Karawane einherschritt.

Wir schlugen unser Lager beim Tembe des Häuptlings Mtakayko auf. Da wir in der völlig offenen Gegend natürlich keinen Dornzaun errichten konnten, so waren wir fortwährend von zahlreichen Kriegern umdrängt, die immer lauter ihren Wunsch nach »Mahongo« (Wegzoll) kundgaben. Ich liess ihnen mittheilen, dass ich ihnen Lebensmittel gern abkaufen wolle, versprach ihnen auch ein Geschenk, erklärte jedoch, dass ich dem Zwang eines Wegzolles (Mahongo) nicht Folge leisten würde. Sie schienen damit auch zufrieden, es kam sogar der Häuptling Mtakayko in schwer betrunkenem Zustande und erhielt ein kleines Geschenk, worauf die Weiber massenhaft Mehl und andere Nahrungsmittel brachten und zu sehr billigen Preisen verkauften. Schon hoffte ich, meine Absicht, mich in Umbugwe zu verproviantiren, in Frieden durchführen zu können.

Die Eingeborenen drängten sich inzwischen an meine Leute heran, brachten ihnen Pombe (Bier) und luden sie ein, mit ihnen in ihre Temben zu kommen. Obwohl ich streng verboten hatte das Lager zu verlassen, liessen sich doch einige Leute verleiten, mit den Wambugwe zu gehen und sogar die Nacht bei ihnen zu verbringen. Ich liess dieselben am nächsten Morgen aufs Empfindlichste züchtigen und hoffte dadurch dem Herumstreifen der Träger ein Ziel gesetzt zu haben.

Junger Mann aus Umbugwe.

Am Morgen des 3. März kamen zahlreiche Weiber mit Proviant und es entspann sich ein lebhafter Handel. Einige Pangani-Leute, welche der seiner Zeit in Umbugwe zersprengten Karawane angehört hatten und fast gänzlich zu Wambugwe geworden waren, erschienen ebenfalls im Lager. So verlogen sie auch der lange Umgang mit den Eingeborenen gemacht hatte, so merkte man doch aus ihren Reden, dass nicht alles richtig sei. Thatsächlich wurde das Benehmen der Krieger immer erregter, die Askari konnten sie kaum vom Eindringen in unser Lager abhalten und mehrfache Prügeleien zwischen diesen und jungen Kriegern fanden statt.

Ich selbst litt an jenem Tage am Fieber und sass im Schatten des Tembe, als mir gegen 3 Uhr Nachmittags gemeldet wurde, dass sämmtliche Weiber plötzlich das Lager verlassen hätten und die Krieger sich um dasselbe schaarten. Einem der verwilderten Pangani-Leute, der eben spornstreichs davon lief, rief ich noch die Frage nach: was es gebe? Er antwortete: »die Wambugwe wollen Krieg!« und enteilte schleunigst.

Ich liess meine Mannschaft das beherrschende flache Dach des Tembe besetzen und blickte auf die zahlreichen braunen Gestalten, die wie in einem Ameisenhaufen, etwa hundert Schritte vom Tembe, durcheinanderliefen, wild schrieen, mit den Waffen drohten, und von Anführern offenbar zu einem Angriff geordnet wurden. Ich hielt es für unbedingt nothwendig, diesem zuvor zu kommen, liess daher meine Leute an den vier Seiten des Tembe antreten und hatte eben zum Laden befehligt, als einige Lagerälteste mit dem Ausdruck des Entsetzens auf mich zustürzten und mich beschworen, nicht zu schiessen, da einige ihrer Lagergenossen trotz des strengen Verbots zu Wambugwe-»Freunden« gegangen seien. In solchen Lagen ist rascher Entschluss nothwendig. Ich erwog daher, dass die verblendeten Leute unter den gegenwärtigen Verhältnissen vielleicht gar nicht mehr am Leben seien und dass ein energischer Angriff der Wambugwe das Schicksal der Expedition möglicherweise gefährden, ein Zuwarten den Abwesenden aber doch nichts mehr helfen könnte. Ich befahl daher den Leuten, in die Eintheilung zu gehen und liess nach allen Seiten Salven auf die Kriegerschaar abgeben. Dieselben gingen zwar bei der noch geringen Uebung meiner Leute etwas zu hoch, doch fielen immerhin einige Gegner und die Wirkung war eine vollständige. Mit Windeseile liefen die eben noch so stolzen Krieger radienförmig nach allen Weltgegenden davon. Einige standhaftere Abtheilungen liess ich durch Schützen verjagen und begann dann sofort das Dorfgebiet nach den abwesenden Trägern zu durchsuchen. Eine Anzahl derselben fanden wir noch durch ein Wunder unverletzt; einer wurde mit schwerer Stichwunde im Unterleib aufgefunden und hauchte bald seinen Geist aus, acht Mann waren »vermisst«, d. h. in diesem Falle todt. Eine grosse Rinderheerde, die in der Nähe des Tembe weidete und eine andere, die sich im Tembe befand, wurden erbeutet, dazu noch zahlloses Kleinvieh und Esel.

Am Abend liess ich die Posten auf acht verstärken und auf das Tembedach aufstellen. Den Dienst hatte der Swahíli-Gefreite Hailala, doch ging auch der Sudanese Bahid mit ihm, die Posten zu visitiren und kam mir zu melden, dass sie richtig aufgestellt seien. Ich sehe den langen kohlschwarzen Dinka-Neger heute noch vor mir, wie er im Scheine des Lagerfeuers in strammer Haltung die Meldung machte. Konnte ich doch damals nicht ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal lebend gesehen! In der Nacht kam er nämlich auf den unsinnigen Gedanken, sich mit vier anderen dienstfreien Sudanesen aus dem Lager zu schleichen, offenbar um in den Temben der Wambugwe nach Pombe (Bier) zu suchen. Ein nächtlich in der Ferne abgegebener Schuss wurde von den Posten im Lager vernommen, die Abwesenheit der 5 Soldaten wurde konstatirt, eine Magnesiumfackel als Zeichen angezündet, Raketen stiegen auf, Trommel und Horn mussten ohne Unterlass ertönen. Aber Niemand kam.

Ich konnte nicht daran denken, vor Tagesanbruch Patrouillen zu entsenden, so bald jedoch die erste Dämmerung sich wahrnehmbar machte, übergab ich den Befehl über das Lager an Mzimba und zog bei feinem Regen durch die Ebene. Wir durchsuchten die zerstreuten Temben, was keine ganz ungefährliche Aufgabe war, da in dem stockfinsteren, von Verschlägen und Vorrathskörben erfüllten Innern leicht ein Gegner verborgen sein konnte. Es war begreiflich, dass die Askari unter diesen Umständen bei dem leisesten Geräusch Feuer gaben, wobei leider ein armes Weib erschossen wurde. Um Aehnliches zu verhüten, schlugen wir dann Löcher in das flache Dach der Temben, durch welche Licht eindrang, die Gefahr des Durchsuchens gemindert wurde, und wir einige Männer und Weiber antrafen und zu Gefangenen machten. In einem Tembe fanden wir ein Seitengewehr und einen blutigen, einem Sudanesen gehörigen Rock, in einem anderen einen mit frischem Blut gefüllten Topf. Diese Funde machten fast jede Hoffnung schwinden, dass die vermissten Sudanesen noch am Leben seien. Von ihren Leichen fanden wir jedoch keine Spur und begannen schon anzunehmen, dass die Wambugwe sie — wie ihre eigenen Todten vom vorigen Tage — fortgeräumt hatten, als wir auf Gruppen von Aasgeiern und Marabus aufmerksam wurden, welche mehrere von einander entfernte Punkte in der Ebene umkreisten. An diesen fanden wir die nackten, von Speerstichen zerfleischten, von den Geiern zerrissenen Leichen der fünf Soldaten. Alle waren im Rausch und offenbar ohne Gegenwehr erstochen worden; nur ein einziger, Mohammed Adam, ein herkulischer Bornu-Neger, hatte sein Leben theuer verkauft. Einen Gegner schoss er nieder — sein Schuss hatte uns bei Nacht alarmirt — einen zweiten erschlug er durch einen Kolbenhieb, bevor ihn der tödtliche Speer erreichte. Neben ihm lag, ebenfalls von Speeren durchbohrt, sein Hund, Pesa, ein räudiger afrikanischer Köter, für welchen der Mann eine kindische und oft bespöttelte Zärtlichkeit hatte — er war seinem Herrn in den Tod gefolgt.