Rasch senkten wir die Gefallenen in eine Grube und wandten unsere Schritte in trüben Gedanken dem Lager zu. Wohl hatten wir einen leichten Sieg über einen Volksstamm erkämpft, der bisher der Schrecken aller Gegner — die Massai nicht ausgenommen — gewesen war. Aber 14 unserer Leute waren erlegen, nicht sowohl den Speeren der Gegner als ihrer eigenen, wahnsinnigen Verblendung. So sehr dieser Verlust mir damals nahe ging, so ist es doch unbestreitbar, dass derselbe auf den Fortgang der Expedition von gutem Einfluss war. Denn nichts vermochte den Geist der Disziplin, die Ueberzeugung nur im blinden Gehorsam ihr Heil zu suchen, bei der Mannschaft so zu stärken, als die blutige Katastrophe in Umbugwe.

TAFEL IV

WAMBUGWE

Mzimba hatte die kleinen Temben in der Umgebung des Lagers zerstören lassen, um freies Schussfeld zu bekommen, und die zahlreichen grossen und kleinen Zelte auf dem flachen Dach, mit den Gruppen bewaffneter Leute und der mächtigen Rinderheerde im Vordergrunde, boten einen abenteuerlichen Anblick. Eine Schaar Wambugwe-Krieger, die sich mit Kriegsgeschrei näherten, hatte Mzimba durch langsames, aber wohlgezieltes Feuer verjagt, selbst eine grosse Zahl älterer Leute, die vom Dach eines Tembe etwa 1000 Schritte Entfernung — also nach ihrer Ansicht ausser Schussbereich — das Lager betrachteten, wurden durch eine Kugel auseinander gesprengt.

Plötzlich zeigte sich am Rande der Ebene ein weiss gekleideter Mensch der ein Tuch schwang. Mzimba vermuthete sofort einen Swahíli, winkte auch seinerseits mit einem Tuch und der Mann kam ins Lager. Er entpuppte sich als der Elephantenjäger Mbaruk aus Pangani — meist Magati genannt — der südlich von Umbugwe gejagt hatte und auf den Lärm des Gefechts herbeikam. Die Wambugwe baten ihn dringend zu uns zu gehen um den Frieden zu vermitteln. Als Mbaruk zu ihnen kam, wollten die Wambugwe den Kampf erst fortsetzen, doch übte die in die Reihen ihrer Aeltesten auf so grosse Entfernung einschlagende Kugel, die einen angesehenen Mann traf, entscheidende Wirkung. Ich theilte Mbaruk, den ich im Lager fand, mit, dass ich gerne mit den Wambugwe Frieden schliessen wolle, falls die Gewehre der gefallenen Leute ausgeliefert und keinerlei Feindseligkeiten ihrerseits mehr unternommen, vor Allem kein Versuch gemacht würde uns die erbeutete Rinderheerde abzujagen. Mbaruk kehrte zu den Wambugwe zurück, die eine grosse Volksversammlung abhielten, während meine Leute an den ungeheuren Vorräthen sich gütlich thaten. Durch die 250 erbeuteten Rinder, waren wir jeder Sorge um den Proviant enthoben und war die Erreichung des Victoria-Nyansa für mich nicht mehr zweifelhaft.

Am Morgen des 5. März kam Mbaruk mit einigen anderen Makua (Elephantenjägern) und zwei zitternden Greisen als Abgesandten der Wambugwe. Dieselben brachten mir Grasbüschel als Friedenszeichen, stellten 10 der Gewehre zurück und behaupteten die anderen nicht mehr finden zu können. Ich erklärte mich damit zufrieden und übergab ihnen die Gefangenen bis auf zwei Männer, die ich als Wegweiser benöthigte. Die Makua waren hocherfreut über die Niederlage der Wambugwe, die sie stets durch Erpressungen und Räubereien gequält hatten, was jetzt ihrer Ueberzeugung nach, ein Ende hatte.

Am 6. März erschienen nochmals Wambugwe mit Friedensversicherungen, die ich beschenkte, ihnen auftrug, fernerhin Karawanen nicht mehr zu belästigen und ihnen versprach, das Land in Jahresfrist wieder zu besuchen. Dann brachen wir gegen Mittag mit grösster Vorsicht auf, da es mir doch undenkbar schien, dass die Wambugwe keinen Versuch machen würden uns die Heerde abzujagen. Wir nahmen den Tross, die Rinder und Packesel diesmal in die Mitte, zu beiden Seiten der Marschkolonne liess ich als Flankendeckung kleine Askari-Abtheilungen marschiren, welche die Temben nach etwa versteckten Gegnern absuchten. Ebenso wurde dem Vortrab die grösste Vorsicht eingeschärft. Doch es ereignete sich nichts, nur in der Ferne sahen wir die dunklen Gestalten der Eingeborenen umherlaufen. Unbehindert überschritten wir den Moburu-Bach und erreichten das Ufer des Kwou.

Dieser Fluss war so angeschwollen, dass die den Elephantenjägern bekannte Furth nicht passirbar war, der gefangene Mbugwe gab jedoch an, eine andere zu kennen. Am Morgen des 7. März führte er uns auch an eine buschbedeckte Uferstelle, welche ich erst durchsuchen liess bevor wir an den Fluss vorrückten. Ich liess sofort das jenseitige Ufer von Askari besetzen und der Übergang begann, bei dem das Wasser den Leuten bis an die Brust ging. Erst gegen Mittag war die ganze Karawane mit Esel und Rinder drüben und wir bezogen einige hundert Schritte weiter in dichtem, von Moskitos wimmelndem Gestrüpp, das Lager. Wie nothwendig die Vorsichtsmaassregeln gewesen waren, zeigte der Umstand, dass, sobald wir das Ufer verlassen, am jenseitigen grosse Mengen bewaffneter Wambugwe-Krieger auftauchten, die sich anschickten den Fluss zu überschreiten. Einige Wachtposten jedoch, die ich im Uferschilf verborgen zurückgelassen hatte, verjagten sie leicht, durch mehrere Schüsse.

Durch die Ereignisse in Umbugwe hatte die Expedition den Zuwachs einer Rinderheerde bekommen, die nun, fast während des ganzen weiteren Verlaufs der Reise, einen Bestandtheil derselben bildete. Unsere Massai, von Ndaikai bis zum kleinen blondköpfigen Lalagiréh waren darüber ganz glücklich, lagen stundenlang an den Eutern und sogen die lange entbehrte Milch. Beim Marsch pflegte Ndaikai, dessen Führerpflichten jetzt erledigt waren, mit einer Kalebasse vorauszugehen und durch Klopfen auf dieser, sowie durch scharfes Pfeifen die Leitrinder zu locken. Die Heerde selbst wurde von den übrigen Massai, deren Zahl sich später vermehrte, sowie durch Askari getrieben, lief vortrefflich und machte uns weit weniger Mühe als die Esel. Abends bekamen Rinder und Esel einen abgegrenzten Raum in der Einzäunung. Ihr Schnauben und Stampfen war Nachts zwar manchmal störend, doch reichlich entschädigte mich dafür der Genuss von frischem Rindfleisch, von Milch und Butter, die jetzt in der Karawane niemals ausgingen. Für die Bedürfnisse der Mannschaften wurden täglich vier Rinder geschlachtet.