Durch hochbegrastes, pfadloses Land ging es am 8. März nordwärts zwischen dem versumpften, von Borassuspalmen gesäumten Kwou und dem Abfall des Gebirges, dessen Saum lichter Wald bedeckte. Nach wenigen Stunden erreichten wir das Südende des Manyara-Sees, den wir von Umbugwe aus undeutlich wahrgenommen und der nun als weite, glänzende Fläche vor uns lag. Der See ist ein Salzsee, weisse Krusten bedecken die lehmigen Ufer, doch zeigen Schneckenschalen und ungeheure Schwärme von Flamingos und Silberreiher an, dass er reiches thierisches Leben enthält. Längs des Westufers, dem wir entlang wanderten, zieht sich ein flacher sandiger Wiesenstreifen, worauf dichte Wald- und Unterholz-Vegetation bis zum nahen Fuss des Abfalls reicht, der theils bewaldet, theils hoch begrast ist. Mehrere klare Bäche entströmen den Bergen und münden in den See. Am 10. März kamen wir an einer heissen, stark nach Schwefel riechenden Quelle vorbei, die zwischen Schilf entspringt und sich in den See ergiesst. Das jenseitige Ufer des Manyara ist flach und wüstenhaft, im Nordosten ragt der langgestreckte Simangor-Berg auf, im Norden sieht man den abgestutzten Kegel des Geleï und in der Ferne den Dongo-Ngai.
Am 11. März erreichten wir das Nordende des Manyara, dessen Strand mit Treibholz, Vogelknochen, Schneckenschalen, sowie von einer dichten schlammigen grau-weissen Salzablagerung bedeckt ist. Der See selbst erscheint stellenweise wie gefroren durch die glänzenden Salzschichten die auf den Sandbänken aufliegen. Wir lagerten unter schönen Akazien am Fusse des hier kaum 100 m hohen Abfalles in anscheinend völlig menschenleerer Wildniss.
Am 12. März hatten wir eben unser Lager verlassen und waren in die offene Steppe gezogen, als plötzlich aus dem Walde hinter uns einige hundert Krieger mit blitzenden Speeren hervorbrachen, die mit wildem Geschrei auf uns zurannten. Wir hielten sie zuerst für Wambugwe die gekommen waren, uns einen Abschiedsbesuch abzustatten und feuerten auf sie, anscheinend ohne Jemand zu treffen, worauf sie schleunigst kehrt machten und eiligst gegen Süden davonliefen. Erst dann erkannten wir aus dem Kriegsschmuck, dass es gar keine Wambugwe, sondern Massai waren, die es offenbar auf unsere Rinderheerde abgesehen hatten, jedoch auf so warmen Empfang nicht gefasst waren. Es ist ja sicher, dass der Anblick so vieler Rinder auf die ausgehungerten Massai so wirken musste wie auf einen Verschmachtenden der einer dampfenden Schüssel, und wir konnten daher darauf rechnen, den Besitz unserer Heerde nicht ruhig geniessen zu können. Nach landläufigen Swahíli-Begriffen galt es überhaupt als unerhörtes Wagniss, mit einer Rinderheerde das Massailand zu passieren, da diese die Begierde der Viehräuber aufs Höchste anreizen musste.
Wir überschritten zwei ansehnliche, dem Manyara zufliessende Bäche, und zogen in der Senkung zwischen dem Plateauabfall und Simangor-Berg durch staubige, fast vegetationslose Nyika nordwärts. Zahlreiches Wild, Strausse, Antilopen und besonders viele Nashorne tummelten sich in der Ebene, letztere waren durch Schwärme kleiner weisser Vögel erkennbar, die über ihrem breiten Rücken flatterten. Der Plateauabfall wird hier sehr steil und sein Obertheil ist von schroffen Felswänden gebildet, in welche die Wasserrisse einschneiden. Bei der Ausmündung eines derselben liegt an klarem Bache unter schönen Bäumen der Marago (Lagerplatz) Leïlelei, der von Massai und Karawanen benutzt wird. Hier trafen wir mit der Route zusammen, die von Ober-Aruscha kommend nach Elmarau führt und früher ziemlich oft von Karawanen begangen worden ist. In neuerer Zeit geschah dies seltener, da die Massai von Mutyek und Serengeti als besonders bösartig galten. Dennoch hatte wenige Wochen vor uns ein Swahíli (Munyijumah Kitubui) aus Tanga den Weg von Elmarau über Leïlelei—Ober-Aruscha nach der Küste mit nur 50 Mann zurückgelegt, was gewiss beweist, dass die Gefahr der Massai-Route keine nennenswerthe ist. Ein bedenklicher Umstand waren freilich unsere Rinder, und der Dolmetsch Kiburdangop, der den Weg aus Erfahrung kannte, schien in Hinblick auf diese keineswegs siegesgewiss.
Der 13. März war dem mühsamen Anstieg auf das Plateau gewidmet. Ueber den mit mächtigen Basalt-Klötzen bestreuten Hang führt ein schmaler Viehpfad der Massai, auf dem die Leute ganz gut, sehr schwer aber die Esel und das Rindvieh fortkamen, sodass wir nach langen Mühen erst gegen Abend die prächtige Plateauhöhe erreichten. Dort entschädigte uns ein herrlicher Blick auf den glänzenden Manyara-See, der hier in seiner ganzen Ausdehnung mit dem steilen Westufer und dem fernen Ufiomi-Berge im Süden sichtbar ist, und mit dessen Entdeckung eine der Aufgaben der Massai-Expedition gelöst war.
Eine prächtige, kühle Luft erfrischte uns auf der Höhe, klare Bäche rauschten zwischen den zart begrasten Hängen: im Norden tauchten dunkle, waldbedeckte Höhen auf. Am nächsten Morgen machten wir nur einen kurzen Marsch und lagerten am Lmorro-Bach, wo wir uns einen Tag aufhielten um die Lasten theilweise umzupacken. Der Verlust an Mannschaft in Umbugwe machte sich fühlbar, auch hatten unsere Packesel durch den Stich der Ndorobo-Fliege gelitten. Dieses Insekt hält sich an Wasserläufen auf und wird Eseln dadurch gefährlich, dass es dieselben in den After sticht, was Schwellungen und den Tod herbeiführt. Unsere Rinderheerde erforderte dringend neue Kräfte als Treiber und unsere Lasten hatten nicht wesentlich abgenommen.
Um sie zu verringern wurden die Zeuglasten etwas schwerer gemacht und einzelnes Zeug als Vorschuss an die Leute abgegeben. Dennoch war noch zuviel da und ich kam zu dem Beschluss, Lasten fortzuwerfen, da sonst die Reise verzögert und der Erfolg in Frage gestellt worden wäre. Wir machten also eine Grube und versenkten darin Glasperlen, Messingdraht, allerlei Spieldosen und anderen Flitterkram, von dem es gut ist wenn man ihn in Afrika hat, und eben so gut, wenn man ihn nicht hat. Dann schütteten wir die Grube zu und zündeten nach dem Rezept Kiburdangops ein Feuer darauf an, dessen Asche den Platz selbst nach Jahren noch erkenntlich macht.
Nun hatten wir unsere gewohnte Beweglichkeit wieder und es blieb übrig die gefallenen 5 Askari aus den Reihen der Träger zu ergänzen. Schon längst hatte ich für solchen Fall Leute angemerkt, die mir durch besondere Tüchtigkeit aufgefallen waren, darunter einen Namens Bakari Juku, der besonderer Erwähnung verdient. Er war ein echter Digo, der nur mangelhaft Swahíli sprach, ein untersetzter Bursche von ungewöhnlicher Körperkraft. Zwischen seinen breiten Schultern sass, fast ohne Hals, ein dicker kohlschwarzer Kopf, dessen Gesicht bedenkliche Aehnlichkeit mit einer Flusspferd-Physiognomie besass. Aus diesem Antlitz, das durch zahllose Pockennarben keineswegs verschönt wurde, blickten ein paar so kühn unternehmende Augen, dass sie unwillkürlich für den Burschen einnahmen. Er hat sich denn auch als Askari glänzend bewährt: wo es einen Sturm oder sonst ein tolles Unternehmen gab, war Juku immer Allen voran. Dabei war er von unermüdlicher Arbeitskraft, hat er doch einmal, als Noth an Mann war, zwei Lasten auf dem Kopf und einen kranken Kameraden auf dem Rücken, stundenweit getragen!
Der Manyara-See vom Mutyek-Plateau.