Die neuen Askari wurden also eingekleidet und am 16. März der Marsch über das Plateau fortgesetzt. Sehr unangenehm war für uns der Mangel eines Wegweisers, da Ndaikai hier völlig fremd war und auch Kiburdangop sich an die Details der Route nicht mehr erinnerte. Solange es über offene grasige Kuppen ging, war die Aufgabe verhältnissmässig einfach, doch es sollte ein Wald vor uns zu passiren sein und dazu bedurften wir unbedingt eines Führers. Wie gerufen kamen uns daher zwei Elmoran, die am Murerá-Bach plötzlich auftauchten und wie sie sagten, durch den Geruch unserer Rinder angelockt worden waren. Dass wir so liebe Gäste nicht mehr losliessen, bedarf kaum der Erwähnung. Einer der beiden Krieger war der Leigwenan (Anführer) der jungen Leute von Mutyek, ein auffallend hübscher Bursche mit feinen, anziehenden Gesichtszügen und schlankem, tadellosem Körperbau. Er erzählte uns, dass seine Leute gerade auf einem Kriegszuge gegen Umbugwe begriffen seien und fragte uns, ob wir denselben nicht begegnet seien. Wir dachten sofort an den Zwischenfall am Manyara-See und meinten, dass wir allerdings die »flüchtige« Bekanntschaft dieser Herren gemacht hätten. Gewaltig imponirte dem Leigwenan, dass wir die Wambugwe, mit welchen die Massai nie fertig werden konnten, besiegt und ihnen so viel Vieh abgenommen hatten. Er wurde hierauf unser begeisterter Freund und trug uns sogar an, mit ihm ein Kompagniegeschäft im Viehrauben zu gründen. Natürlich hatte er noch niemals einen Weissen gesehen. Er hatte keine Ahnung, dass ich der Vertreter einer anderen Rasse sei, sondern hielt mich, wie dies auch Dr. Fischer geschah, für eine Abart der Küstenneger. (Laschomba neïbor = weisse Küstenneger).

Am Morgen des 17. hatten die rüstig voranschreitenden Krieger bald einen rothen Viehpfad gefunden, der durch prächtige Grashalden bergan ging und uns in dichten tropischen Hochwald führte. Verfilzte Krautvegetation und zahlreiche Nesselpflanzen bedeckten den Boden; die einzelstehenden dicken, aber nicht sehr hohen Bäume waren an der Windseite mit Moosen und Flechten bedeckt und umrankt von zahllosen Schlingern. Wir bezogen mitten im Walde am murmelnden Bach, den prachtvolle Schmetterlinge umgaukelten, ein Lager. Gegen Abend fielen dichte Nebel nieder und es wurde empfindlich kalt.

Auf stets gutem Viehwege, der von förmlichen Mauern dichten Krautwuchses eingesäumt ist, ging es am 18. März weiter durch den Bergwald. Von 9 Uhr an durchzogen wir ein offenes, von kleinen sumpfigen Bächen durchzogenes Grasland mit eingestreuten reizenden Waldgruppen. Gegen Mittag sahen wir uns plötzlich am Rande eines Steilabfalles und blickten in den oblongen Kessel von Ngorongoro hinab, eine alte Kraterruine, deren Westseite ein kleiner See einnimmt, und deren grasige Sohle von zahlreichem Wild belebt ist. Wir stiegen steil zum Kessel ab und lagerten am Rande des Abfalles. Die Zelte waren noch nicht aufgeschlagen, als der Kameeltreiber Mohammed ganz verstört erschien und meldete, das Kameel sei sterbend zusammengebrochen. Dieses treffliche Thier hatte in der letzten Zeit am Manyara und in der heissen Steppe nördlich davon sichtlich zugenommen. Das kalte Plateau jedoch und gar der feuchte Urwald waren zu viel für das arme Wüstenschiff, es bekam Bluthusten und schleppte sich nur mit Mühe vorwärts. Ich war daher über Mohammeds Mittheilung keineswegs erstaunt und gab ihm einige Leute mit, um das Kameel vielleicht noch durchzubringen. Doch wenige Stunden später kam der Araber sehr betrübt und übergab mir die Halfter des Kameels: die treue Bestie hatte ausgelitten. Es war wirklich rührend, wie sehr Mohammed sich diesen Verlust zu Herzen nahm, er wurde förmlich trübsinnig und magerte sichtlich ab.

Abends umschlichen einzelne Massai-Krieger das Lager, wohl mit der Absicht, Vieh zu stehlen, doch verging die Nacht bei verstärkten Posten ruhig. Früh gings durch die leichtgewellte Senkung sanft bergab, dem Seeboden zu. Der schwarze Humus der Mulde war schön begrast, doch stellenweise mit vulkanischem Gerölle bedeckt. Zahlreiche Massai-Elmoran gaben uns im Morgennebel das Geleit, prächtige, malerische Gestalten mit ihren bunten Schilden und glänzenden breiten Speeren. Auch der Laibon (Zauberer) von Ngorongoro erschien in einem Mantel aus Affenfell. Die Leute benahmen sich keineswegs unverschämt, denn der Leigwenan hatte sie schon darüber belehrt, dass mit uns nicht zu spassen sei. Sie waren ziemlich wohlgenährt und besassen noch einiges Kleinvieh, auch lieferten die Wildmassen der Ebene ihnen Nahrung. Diese waren wirklich grossartig: in Heerden tummelten sich Antilopen, langmähnige Gnus und leichtfüssige Zebras, einzeln oder zu zweien tauchten die breiten Rücken der Nashorne auf. Obwohl ich nichts weniger als ein grosser Nimrod bin, erlegte ich doch an diesem Tage ein Gnu und drei Nashorne, welch' letztere wir den Massai überliessen. Von den benachbarten Kraals, die sich als dunkle Kreise aus der Grasfläche hoben, kamen Schaaren meist magerer, kahlköpfiger Massai-Weiber, im Eisenschmuck rasselnd, um sich Fleisch zu holen.

Im Schatten eines riesigen Baumes, unweit eines Wäldchens schlugen wir das Lager auf. Stets herrschte in diesen Höhen eine kühle angenehme Luft, besonders Mittags, wenn die Sonnenstrahlen den feuchtkalten Morgennebel durchbrachen, war der Aufenthalt ein köstlicher und nichts erinnerte an die Tropen. Die einzige Unannehmlichkeit waren zahlreiche Fliegen, die bei den Massai eine der ägyptischen ähnliche Augenkrankheit erzeugen.

Für einen Jäger wäre dieser Lagerplatz ein paradiesischer gewesen. In der Nähe des Wäldchens hausten zahlreiche Perlhühner, deren ich mir einige zum Frühstück erlegte, in einem Tümpel grunzten Flusspferde und in der weiten Ebene tummelten sich ungeheure Wildmassen, die sehr wenig scheu waren, obwohl sie von Wandorobo und neustens auch von Massai viel gejagt wurden. Diese erlegten das Wild meist mit dem Speer, theils indem sie Gnus, die nicht sehr schnell laufen, verfolgten und sie niederstiessen, theils indem sie sich schlangenähnlich an schlummernde oder grasende Nashorne heranschlichen und ihnen die Waffe in den Leib rannten.

Wir hielten einen Rasttag in Ngorongoro, den ich zur Besichtigung einiger Massai-Kraals benutzte. Ich fand dort die freundlichste Aufnahme. In dem Hof, den die niedrigen, lederbedeckten Zelthütten umgaben, riefen mir die Elmoran, die Krieger ihr »Sowai!« zu; vor den Hütten kauerten Greise mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und Nditos (Mädchen) mit glänzenden schwarzen Augen lugten, behangen mit Eisen- und Glasperlenschmuck, aus dem Innern hervor. Mein ständiger Begleiter bei diesen Spaziergängen war der Leigwenan, den ich durch das Geschenk eines Kalbes glücklich gemacht hatte. Um den Dornzaun unseres Lagers sammelten sich inzwischen Schaaren jener Jammergestalten, die jetzt für das Massai-Land bezeichnend sind. Da waren zu Skelette abgemagerte Weiber, aus deren hohlen Augen der Wahnsinn des Hungers blickte, Kinder die mehr Nacktfröschen als Menschen glichen, »Krieger« die kaum auf allen Vieren kriechen konnten und stumpfsinnige, verschmachtende Greise. Diese Leute verzehrten Alles: gefallene Esel waren für sie ein Schmaus, aber auch Knochen, Häute, ja selbst Hörner des Schlachtviehs verschmähten sie nicht. Ich liess den Unglücklichen nach Kräften Nahrung geben und die gutmüthigen Träger theilten ihre Rationen mit ihnen; aber ihr Appetit war unersättlich und immer neue Hungrige kamen herbeigewankt. Sie waren Flüchtlinge aus Serengeti, wo die Hungersnoth ganze Distrikte entvölkert hatte, und kamen als Bettler zu ihren Landsleuten in Mutyek, die selbst kaum genug zu essen hatten. Schwärme kreischender Geier folgten ihnen nach, ihrer sicheren Opfer harrend. Täglich bot sich uns von nun an der Anblick dieses Elends, zu dessen Linderung wir doch kaum etwas thun konnten. Eltern boten uns ihre Kinder zum Verkauf gegen ein Stückchen Fleisch an und wussten dieselben, als wir solchen Handel ablehnten, geschickt beim Lager zu verstecken und sich aus dem Staube zu machen. Bald wimmelte die Karawane von solchen kleinen Massai und es war rührend, zu beobachten, wie die Träger sich dieser armen Würmer annahmen. Kräftigere Weiber und Männer verwendete ich als Viehhirten und errettete dadurch eine ganze Anzahl vom Hungertode.

Massai-Kraal.

Am 21. März zogen wir im Ngorongorokessel weiter, vorbei an einem Wandorobo-Lager, dessen Umgebung mit Wildabfällen bestreut war, um welche sich Raben, Marabus und Geier zankten. In einem schönen Akazienwald unweit des Sees lagerten wir. Die Ebene vor uns beherbergt wieder zahlreiche Rhinozerosse, darunter prachtvolle, schneeweisse Exemplare, deren ich eines erlegte. Mzimba zog Nachmittags zum ersten Mal im Leben auf die Jagd und schoss ein Nashorn. Auch andere meiner Leute haben im Laufe der Expedition mehrfach Nashorne erlegt, da die Jagd dieser Thiere keineswegs so besonders schwierig und gefährlich ist, als es nach den Berichten der Berufs-Nimrode erscheinen könnte. Vor Allem ist das Nashorn nicht sehr scheu und wenn der Wind nur halbwegs günstig ist, so kann man sich ohne Weiteres bis auf 30 Schritte nahen, ohne dass es sich stören lässt. Um auf 30 Schritte ein Rhinozeros zu treffen braucht man gerade kein hervorragender Schütze zu sein, und wenn die Kugel in den Oberleib oder (mit dem kleinkalibrigen Gewehr) in den Kopf einschlägt, so fällt das Thier meist ohne Weiteres. Verwundet man es an einer anderen Stelle, so läuft es entweder davon, und zwar so schnell, dass eine Verfolgung selten Erfolg hat, oder es greift den Jäger an. Dieser Moment wird von den Nimroden meist besonders grell ausgemalt. Ihre Begleiter laufen gewöhnlich davon und nur der Nimrod hält dem anstürmenden Koloss Stand. Das klingt sehr gefährlich, der »anstürmende Koloss« ist aber so gut wie blind, ein Schritt auf die Seite genügt und er rast vorbei, bleibt dann stehen und blickt sich verwundert nach dem Jäger um, der ihm dann in aller Ruhe von nächster Nähe eine zweite Kugel in den Leib jagen kann.