TAFEL V
HUNGERNDER MASSAI
Gegen Abend kamen Wandorobo ins Lager, die uns geheimnissvoll meldeten, dass die Krieger eines benachbarten Kraals einen Ueberfall auf uns beabsichtigten. Ich zweifelte zwar sehr daran, dass Jemand einen solchen wagen könnte, liess aber dennoch die Dornverhaue besonders sorgfältig anlegen und Nachts die Posten verstärken.
Kaum hatte ich mich in mein Zelt zurückgezogen, als ein Schuss krachte. Alles lief an die Einzäunung, das Magnesium-Licht, das für solche Zwecke stets bereit war, flammte auf und zwei splitternackte Massai-Krieger wurden gefangen genommen, die versucht hatten, in den Viehkraal einzudringen. Wir begannen nun wirklich an die Möglichkeit eines Ueberfalls zu denken, doch ereignete sich nichts ähnliches mehr, nur einige Hungergestalten näherten sich dem Lager, auf welche die Posten ohne sie zu erkennen in der Dunkelheit Feuer gaben. Am nächsten Morgen sah ich zu meinem tiefsten Bedauern zwei dieser Unglücklichen von Kugeln durchbohrt vor der Einzäunung liegen. Neben ihnen stand ein langer hagerer Greis mit wirrem, weissen Haar, der uns wüthende Flüche zurief. »Ihr schwelgt in Milch und Fleisch,« sagte er, »und schiesst auf uns, die wir vor Hunger sterben. Seid verflucht!« Ich liess dem Armen ein Stück Fleisch geben, dass er mit thierischer Gier roh verschlang, um dann in seinen wilden Ausbrüchen fortzufahren. Die Karawane hatte sich schon entfernt und immer noch tönte das Geschrei des Unglücklichen hinter uns her.
Wir stiegen auf gutem Viehweg den steilen Westhang des Kessels hinan und erreichten das Plateau von Neirobi. Dasselbe hat 2400 m Seehöhe; lange Nebelstreifen ziehen über die mit saftigem Grün bedeckten Weiden in welchen einzelne knorrige, mit Flechten behangene Bäume verstreut sind. An lichter gefärbtem Gras und dichtem Brennesseldickicht waren alte Massai-Kraals erkennbar, deren Bewohner jetzt gänzlich verschwunden waren oder als Verhungernde umherirrten. Einige derselben schlossen sich uns wieder an. Das Massai-Element fing überhaupt an, in der Karawane zuzunehmen und es war komisch zu sehen, wie rasch der stolze Elmoran sich in »Laschomba« (Swahíli) mit Fez und Lendentuch verwandelte. Sogar eine ganze Familie zog mit, bestehend aus Mutter, einer hübschen jungen Tochter, zwei halbwüchsigen Jungen und einem Säugling, der fast garnicht schrie und mit Kuhmilch gefüttert wurde.
Am Morgen des 23. März zogen wir leicht bergan über das kalte, neblige Plateau von Neirobi, stets durch prächtiges Weideland, dessen fetter Boden von tief eingetretenen Viehwegen durchschnitten ist. Zu unserer Linken stiegen grasige Kuppen auf. So schön und fruchtbar das Land auch war, so wirkte die ewige Folge niedriger Graswälle doch eintönig, um so mehr als nichts eine Veränderung ahnen liess.
Plötzlich merkte ich eine Bewegung an der Spitze der Karawane, die Leute stellten ihre Lasten nieder und deuteten gegen Süden. Ich beschleunigte meine Schritte und konnte einen Ruf des Erstaunens nicht unterdrücken als ich auf der Kuppe angelangt war. Zu unseren Füssen lag, von steilen, felsigen Hängen eingesäumt, eine ungeheure Spalte, ein Graben im geologischen Sinne, bei dem man förmlich sah, wie ein Stück des Plateaus 1000 Meter weit abgerutscht war. An der Sohle dieses Grabens lag, von sandigen Ufern umgeben, ein blauer See, dessen südlicher Verlauf mit dem Horizont verschwamm. Am Westufer stiegen die Randberge des Serengeti-Plateaus auf, an das Ostufer schloss sich eine Reihe paralleler Ketten an, die in den Iraku-Bergen gipfeln, welche als lange Mauer am Horizont stehen. Ueber diese erhob sich, fast genau im Süden, ein mächtiger, dunkler Kegelberg. Es war, wie ich später erfuhr, der Gurui-Berg, den ich schon in Umbugwe gesehen, aber durch die vorgelagerten Berge nicht in seiner Bedeutung erkannt hatte. Der See, welcher sich in der Tiefe ausdehnte, wurde von den Massai Eyassi-See genannt. Er ist auch ein Salzsee, doch grösser als der Manyara und das Sammelbecken jener Wasserläufe Unyamwesis, die dem Wembere-System angehören. Dies war mir schon damals zweifellos und wurde später direkt nachgewiesen.
Wir schlugen unser Lager auf einer beherrschenden Kuppe am Rande des Steilabfalles auf und von meinem Zelt aus genoss ich den herrlichen Anblick des sonnenbestrahlten Sees, den ich als erster Europäer schaute. Am 24. März unternahm ich mit einigen Askari und einem Massaiführer den Abstieg zum See. Pfadlos kletterten wir durch vegetationsreiche Schluchten, überschritten Bäche und gelangten schliesslich an den letzten sehr steilen Abfall, der dicht mit Aloë, Euphorbien und Stachelgestrüpp bedeckt war. Auch durch dieses Dickicht erkämpften wir unsern Weg, mussten eine fast senkrechte, sandige Tuffwand überschreiten und gelangten bei glühender Hitze Nachmittags an einen Bach am Seeboden. Ein heftiger Fieberanfall nöthigte mich, dort zu verbleiben und ich sandte einige Askari zum nahen Seeufer um Salz- und Wasserproben einzusammeln. Von Moskitos gequält, von zahlreichen Hyänen umheult, verbrachten wir die Nacht am Bach und stiegen am nächsten Tage auf besserem Wege durch ein schönes, von Phönixpalmen erfülltes Thal zur Höhe. Schon unterwegs begegneten wir Leuten vom Lager, die ausgezogen waren, uns zu suchen, da man uns schon Tags vorher zurück erwartet hatte. Im Lager wurden wir mit Freudengeschrei empfangen, da man schon ernstlich um uns in Sorge gewesen war und die Leute baten mich dringend, keinen Ausflug mehr, und sei es der kleinste, ohne ihre Begleitung zu machen.
Durch welliges Land mit dunklem, lehmigem Boden auf dem viel Klee gedieh, gings am 26. weiter zum Njogomo-Bach der dem Eyassi-See zufliesst. Am 27. stiegen wir über eine Höhe und dann sanft ab zur weiten, fast baumlosen Ebene von Serengeti. Dieselbe hat weit weniger schönes Weideland als Mutyek, ist sehr sanft gewellt und von flachen Thalrissen durchzogen. Hier lagen einige Massai-Kraals zerstreut in deren Nähe Ziegen weideten. Während wir vorbeizogen, kamen alte Leute, Elmoruo, an und riefen uns zu, dass die Krieger mit uns Frieden halten wollten falls wir ihnen einen Tribut an Rindern geben würden. Wir antworteten durch Mabruki Massai, den Findling von Donyo Lukutu, dass uns unter diesen Umständen an einem Frieden nichts gelegen sei. Mabruki, der ja selbst Elmoran gewesen, und die Sitten der Massai natürlich genau kannte, erklärte, dass die Krieger uns nun bestimmt angreifen würden. Thatsächlich kamen einige hundert Leute auch bald mit geschwungenen Speeren hinter uns hergelaufen. Es wäre mir nun ein Leichtes gewesen, über diese Krieger einen »glänzenden Sieg« zu erringen, den Kraal zu »stürmen« und die Ziegen zu erbeuten, ich bemitleidete jedoch diese Hungerleider, die in ihrem Raubanfall nur dem Gebote des Magens folgten und begnügte mich, sie durch einige wohlgezielte Kugeln zu verjagen. In 5 Minuten war kein einziger mehr zu sehen. Die Karawane hatte ihren Marsch keinen Augenblick unterbrochen. Das war unser einziges »Gefecht« mit Massai, den blutgierigen, furchtbaren Räubern, deren Gebiet, »nur mit 1000 Europäern« passirbar ist.