Die Bodenschwellungen verschwanden bald gänzlich und über eine leicht geneigte, staubige Ebene ging es abwärts. Wild, welches am Neirobi-Plateau spärlich gewesen, war hier wieder in grossen Mengen sichtbar, in langer Reihe, gleich einer Kavallerie-Abtheilung liefen Strausse mit Windeseile durch die Steppe. Bei einem einzelnen, Wasserlöcher enthaltenden Felshügel, Duvai, lagerten wir und waren bald von zahlreichen Wandorobo umgeben, die hier in grösserer Zahl leben. Sie waren hier keineswegs jener elende Pariastamm, als welchen man diese Jäger sonst kennen lernt, sondern ein schöner, hochgewachsener Schlag und mit ihren kräftigen Bogen und vergifteten Pfeilen keineswegs zu verachtende Gegner. Die Jagd schützt sie vor dem Hunger, ja manchmal unternehmen sie auch Raubeinfälle in das bewohnte Gebiet von Usukuma und treiben Vieh fort, welches sie jedoch nicht züchten, sondern sofort schlachten. Gegen uns benahmen sie sich freundlich und mit Leichtigkeit bekam ich hier Sprachproben dieses merkwürdigen Jägervolkes.

Der nächste Tag führte uns durch flaches, von seichten, meist wasserlosen Senkungen durchzogenes Land. Eine derselben enthielt den kleinen Salzsee Lgarya, dessen Ufer von zahlreichen Flamingos belebt ist. Dichte Staubwolken begleiten hier den Gang der Karawane, die Schirmakazie, jener echte Nyikabaum trat auf, wir waren wieder im Steppenland.

Gegen Mittag des 29. März verschwanden auch die Akazien und wir zogen durch eine weite, fast völlig baumlose Grasebene, eine richtige Prairie, aus welcher im Nordwesten die flache Kuppe Kiruwassile auftauchte. Selbst Wild war in dieser Einöde selten, doch begegnete man auf Schritt und Tritt Gnu-Sceletten, von Thieren, die der Seuche erlegen waren. Unser Ziel bildete eine einzelne Akazie, die wir stundenweit vorher sahen und an deren Fuss sich Löcher mit lehmigem Wasser befanden. Der Marsch war ein besonders anstrengender gewesen, da die Leute ausser ihren Lasten auch Brennholz mitnehmen mussten, welches es in dieser Graswüste nicht giebt.

Die Wirkung der langen Märsche, sowie jene der ungewohnten Fleischnahrung machte sich bei der Mannschaft überhaupt schon geltend. Die Pangani-Leute allerdings, die an Massai-Reisen gewöhnt sind, hielten sich vorzüglich, die aus Bagamoyo dagegen litten schwer. Selbst grosse Portionen konnten ihren an Pflanzenkost gewöhnten Magen nicht sättigen, Fälle von Entkräftung verbunden mit ruhrartigen Zuständen traten ein. Dann ergriff einzelne Leute ein Zustand völliger Muthlosigkeit, sie legten sich am Wege nieder und erklärten sterben zu wollen. In solchen Fällen that Mzimba mit ein paar Kurbatschhieben oft Wunderwirkung: der Sterbende erhob sich und marschirte weiter. Anders freilich war es, wenn es einem der Leute gelang, sich abseits von der Route im Grase zu verbergen, wo er ohne Nahrung, ohne einen Tropfen Wasser dalag, den Tod erwartend. Im Lager wurde er natürlich vermisst und Askari, die keine Müdigkeit kennen durften, ausgesandt ihn zu suchen. Meistens wurden solche Leute aufgefunden und gerettet, in manchen Fällen aber brach die Nacht herein, die Askari kamen unverrichteter Sache zurück und wenn draussen die Hyänen ihr grässliches Konzert begannen, wussten wir, dass unser Kamerad verloren war.

Am 30. März hatten wir den tafelförmigen Kiruwassile-Berg erreicht, dem eine Kette kleiner Granithügel vorgelagert ist, zwischen deren mächtigen Felsblöcken Euphorbien und Stachelgestrüpp gedeihen, und lagerten an dem klaren Wassertümpel eines Baches. Durch Parkland ging es am folgenden Tage weiter, wo manchmal röthlicher Granit zu Tage tritt, dessen Platten durch viele Sprünge zerrissen sind, so dass der Boden wie gepflastert aussieht. Steil stiegen wir eine Plateaustufe ab und gelangten in schön begrastes, fruchtbares Land, in dem einige verlassene Wandorobo-Grashütten die einzigen Spuren menschlicher Siedelung sind. Einzelne Sorghum-Pflanzen und Kalebassen-Geranke, das wild dazwischen wächst, wurde mit Freuden begrüsst, zeigten sie uns doch die Nähe kultivirter, ackerbautreibender Distrikte an. Am trockenen, tief eingerissenen Lossergasch-Bach, der schon dem Nilsystem angehört und den Oberlauf des Simiyu bildet, schlugen wir unser Lager auf. Die Massaiführer sagten uns, dass Ikoma, oder wie sie es nennen, Elmarau, eine von Waschaschi bewohnte Landschaft, nur noch zwei Tagereisen entfernt sei: wir beschlossen daher alles aufzubieten, um rasch dahin zu gelangen. Denn täglich mehrten sich die Todesfälle durch Entkräftung, zwei, drei Mann brachen unterwegs zusammen und andere schleppten sich nur noch schwer fort. Alle Askari trugen Lasten und mühsam keuchte die Karawane auf dem sonnenglühenden Pfad vorwärts. Das Land war arm an wasserführenden Bächen, von zahllosen Regenschluchten durchfurcht und theilweise mit dichtem Dorngestrüpp bewachsen. Nachmittags entdeckten die scharfen Augen der Träger am Horizont saftig grüne Parthien: es waren die Felder von Elmarau. Doch konnten wir sie an diesem Tage nicht mehr erreichen und waren noch einmal auf Fleischdiät angewiesen.

Zusammentreffen mit Waschaschi.

Am Morgen des 2. April gelangten wir schon frühzeitig an den breiten trockenen Bach Orangi, der von hochstämmiger Gallerie-Vegetation eingesäumt ist und reichliche Wasserlöcher enthielt. Zwischen den Bäumen des rechten Ufers erblickten wir roth bemalte, hochgewachsene Gestalten mit Bogen und Pfeil, meist in charakteristischer Haltung auf einem Bein stehend. Es waren Leute aus Ikoma, die zur Jagd hierher gekommen waren und mit Erstaunen die Karawane erblickten. Doch war es ja schon öfter geschehen, dass bekleidete Fremdlinge aus dem Massai-Land zu ihnen kamen; sie begrüssten uns auf Kinyamwesi und zeigten uns damit an, dass wir das Massai-Sprachgebiet verlassen und uns wieder bei Bantuvölkern befanden. Einige Glasperlen machten sie rasch zu unseren Freunden und auf einem richtigen Feldwege, einem wahren Labsal nach der pfadlosen Wildniss, zogen wir Ikoma zu. Mit Jubelgeschrei begrüssten die Leute die ersten Felder, wo Sorghum, Mais, Eleusine und andere Kulturpflanzen sorgfältig angebaut waren. An dem wasserführenden Ormuti-Bach betraten wir das Dorfgebiet, ein offenes, leicht gewelltes Grasland mit verstreuten Hütten und kreisrunden, von buschigen Euphorbienhecken umgebenen Komplexen, in deren einem wir lagerten.

Die friedlichen Eingeborenen kamen völlig unbewaffnet, auch viele, meist sehr üppige Damen erschienen und brachten in netten Körbchen Mehl zum Verkauf, so dass die Leute wieder in gewohnter Nahrung schwelgen konnten. Auch mir erschien ein Kürbiss, den der Koch bereitete, als eine köstliche Delikatesse, denn ausser Brennessel-Spinat hatte ich seit Umbugwe kein frisches Gemüse gegessen.

In dem Wunsch rasch Mehl zu bekommen hatten wir bei der freundlichen Haltung der Eingeborenen, unserm Grundsatz widersprechend, denselben Zutritt in's Lager gewährt. Sie benutzten diese Gelegenheit jedoch, um mit grosser Geschicklichkeit zu mausen, ja einer stahl sogar mein Rosshaarkissen, das die Jungen zum Auslüften hingebreitet hatten. Ich liess hierauf einige Weiber an die Kette legen und forderte die erschrockenen Eingeborenen auf, die gestohlenen Gegenstände wieder zurückzubringen, was auch in kaum einer Viertelstunde geschah, worauf wir die gefangenen Schönen wieder laufen liessen.